Cretima Celtica
 
 
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Heidnisch beten -

bei Griechen, Römern, Kelten und Germanen (F)

© 2009

 

Das Gebet ist die einfachste Art, mit einer numinosen Macht zu kommunizieren. Es kommt in fast allen Religionen vor, egal ob es sich um animistische, polytheistische oder monotheistische handelt.

 

Und, obwohl das Beten in nahezu allen Religionen seinen Platz hat, wird es nach meiner Erfahrung v.a. im Wicca und bei magisch orientierten neuheidnischen Gruppen eher stiefmütterlich behandelt, oder überhaupt nicht praktiziert. Man begegnete mir früher in den Coven und magischen Gruppen oft mit Unverständnis, wenn ich davon redete, gerne zu den Gottheiten zu beten, sie anzubeten. Es wurde als christlich (und damit unerwünscht) abgetan. Gottheiten werden, so meine Gesprächspartner/innen, zu magischen Zwecken gerufen, invoziert, beschworen, als Archetypen und Energien gesehen, man „arbeitet“ mit ihnen und ihrer Macht, versucht in spiritueller Übung ihnen gleich zu werden, sucht sie in Ihrer Energie zu erfahren. Allerhöchstens ehrt man Sie. Aber man betet nicht zu ihnen, man betet sie nicht an, verehrt sie nicht. 

 

Wenn man aber die Gottheiten als Wesen sieht mit Persönlichkeit und Charakter, ist es dann nicht auch logisch, mit Ihnen als Person zu kommunizieren? Ähnlich wie man mit Menschen kommuniziert? Wenn man in Gottheiten etwas Hohes, Edles sieht, ist es dann nicht irgendwo auch legitim, dieses Hohe zu ehren?

 

Vielleicht hat das Gebet für viele moderne „Hexen“ und Heid/innen tatsächlich den fahlen Beigeschmack des Christentums? Wo man sich als arme Sünderin dem allmächtigen Gott im Staube kriechend nähert? Abgesehen davon, dass es auch im Christentum sehr kraftvolle Gebete gibt, sind heidnische Gebete selten mit Sünde, Buße und Im-Staub-Kriechen verbunden, sondern meist stolze Anrufungen an die Gottheiten verbunden mit Bitte oder Dank. Andererseits gibt es aber auch in den heidnischen Religionen durchaus devote Gebetspraktiken. Die folgenden Fakten mögen Aufschluss über das Gebet bei den Kulturen der europäischen Antike geben und zeigen, dass vielleicht gar kein so großer Unterschied zwischen christlicher und heidnischer Gebetsform besteht.






Begriffsdefinition

 

Beten: etymologisch von „bitten“ (germ. *bedo, ahd. beta) oder lat. precare, „erbitten, anflehen“

 

Das etymologische Wörterbuch:

Sich in innerer Sammlung an eine Gottheit wenden, zur Gottheit sprechen.

 

Meyers Taschenlexikon schreibt:

In den Religionen die mit Worten und begleitenden Handlungen verbundene Anrede einer Gottheit durch den Menschen.

 

Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen definiert:

Die Beziehung des Selbst oder der Seele zur Gottheit in Vertrauen, Buße, Lob, Bitte und Vorsatz.

 

Das Lexikon der Religionen von Herder:

Innerster Vollzug und Kriterium von Religiosität.

 

Im deutschen Wikipedia schließlich ist zu lesen:

Zentrale Handlung vieler Religionen. Es wird als die mit Worten und begleitenden Handlungen verbundene Anrede einer als Person vorgestellten Gottheit durch den Menschen definiert. Im Gebet wendet sich also der Mensch an eine Gottheit.






Beten in der klassischen Antike

 

Da die Quellenlage bei den Kelten und Germanen sehr mager ist, fasse ich hier zuerst die wesentlich besser belegten Gebetspraktiken der klassischen Antike zusammen. Im Vergleich mit den paar Indizien zu Kelten und Germanen können dann vielleicht besser Zusammenhänge hergestellt werden.

 

Sinn und Zweck des Gebetes:

            Im Prinzip gibt es in der klassischen Antike keinen Unterschied zu anderen Religionen, was das Ziel eines Gebetes betrifft. Die Anliegen der Menschen waren und sind immer ähnlich. Persönlich wurde um Liebe, Glück, Gesundheit, Heilung, eine gute Geburt, Geld, Reichtum, das Gelingen von Vorhaben, etc. gebetet. Gemeinschaftlich für eine gute Ernte, Segen für die Gemeinschaft, Heil, eine gerechte Regierung, Sieg in der Schlacht, etc. Und dann die Hymnen und Gesänge, die eher im Zuge der Opferfeiern von speziellen Sänger/innen oder Priester/innen gesungen oder rezitiert wurden. Egal, worum gebetet wurde - das „do-ut-des“-Prinzip stand und steht im heidnischen Gebet zumeist im Mittelpunkt. Das heißt, „ich gebe, damit du gibst“ - Das Gebet, zusammen mit Opfergaben, als Geschenk an die Gottheit, auf dass innerste Wünsche und Bitten gewährt würden. (Dieses Prinzip dürfte auch bei Kelten und Germanen üblich gewesen sein.)

 

Wann wurde gebetet?

            Jede wichtige Tätigkeit wurde mit einem Gebet eingeleitet, also auch Feste, Gerichtsverhandlungen, Volksversammlungen, öffentliche Reden, Kriege, etc. Tägliche familiäre Gebete fanden morgens und abends statt. Bei den Opferfesten waren Gebete/Hymnen fixer Bestandteil und bereiteten das Opfer vor. (siehe auch die Carmina Gadelica und germ. Quellen - auch in den zwei „schriftlosen Kulturen“ dürfte es ähnlich gewesen sein.)

 

Wer betete?

            Wenn es um Sippen- oder Familienangelegenheiten ging, betete der Hausvater stellvertretend für seine Mündel (Frau/en, Kinder, Dienerschaft, Sklav/innen - alle die im Haushalt lebten). Familienrituale wurden daher auch meist vom Vater, dem Hausvorstand, geleitet. In bestimmten Fällen wird es natürlich auch die Hausherrin gewesen sein, am ehesten wohl dann, wenn der paterfamilias abwesend oder tot war.

            Für Gebete bei öffentlichen Feiern oder Opferfesten gab es eine dafür ausgebildete Priester/innenschaft, die rein kultisch war. Das heißt, römische und griechische Priester/innen waren sozusagen Beamt/innen, die die öffentlichen Feiern leiten mussten und die Tempel zu pflegen hatten. Jeder Tempel hatte ein/e oder mehrere Priester/innen und zusätzliches Kultpersonal. Die klassischen Priester/innen hatten keinerlei politische Macht (aufgrund ihres Priester/in-seins). Erst im römischen Kaiserreich maßten sich die Kaiser an, Götter zu sein. In der röm. Republik war dieser Gedanke eher befremdlich. (Die Druiden bei den Kelten hatten im Gegensatz zu den klassischen Priester/innen auch starken politischen Einfluss, waren zugleich Philosophen und eine eigene geistige Elite, sozusagen ein echter, politisch machtvoller Klerus mit Macht in Legislative und Judikative. Die Goden bei den Wikingern waren vor allem Sippen- und Stammesführer, die die Interessen ihrer Gemeinschaft am Thing darzulegen hatten. Über die religiösen Aufgaben bzw. die religiöse Macht der Goden ist wenig bekannt. Bei antiken Germanen dürfte es  ein Kultpriester/innentum gegeben haben (z.B. der Priester der Nerthus bei Tacitus "Germania").  

            Und natürlich konnte jede/r Einzelne, egal aus welchem Stand er oder sie war, jederzeit um alles, was ihr oder ihm auf dem Herzen lag, beten. (dürfte auch für Kelten und Germanen in ähnlicher Weise gegolten haben.)

 

Wo wurde gebetet?

            Am besten wirken Gebete am Kultort der verehrten Gottheit, da man Ihr da am nächsten ist. Naheliegende Tempel oder natürliche Heiligtümer wurden von den Gläubigen regelmäßig zum persönlichen Gebet aufgesucht. Bei ganz großen Anliegen machte man auch Pilgerreisen zum Hauptkultort der Gottheit.

Natürlich sind aber auch heidnische Gottheiten nicht strikt ortsgebunden. Sie können reisen. In vielen griechischen und römischen Gebeten kommt daher eine Einladung an die Gottheit vor, sich doch bitte von ihrem Heiligtum wegzubewegen, um sich der eigenen Angelegenheiten anzunehmen. Das heißt: Jede x-beliebige Gottheit, wie gering sie auch sein mag, kann immer und überall angebetet werden. (Als keltisches Beispiel sei hier die Göttin Arduinna genannt, deren Anrufung auf einem Weihestein in Rom! belegt ist. Arduinna ist Göttin aus dem gallischen Gebiet um die Ardennen - Ihr Name ist zugleich der Name dieses Gebirges.)

Bei den antiken indogermanischen Kulturen fällt auf, dass öffentliche Riten selten in Tempeln abgehalten wurden, sondern meist draußen unter freiem Himmel. Griechische und römische Tempel waren ausschließlich Wohnungen der Gottheiten. Viel zu klein für Massenveranstaltungen! Die großen Opferfeiern fanden immer vor den Tempeln am Altar im Freien statt. Analog dazu war es üblich, zum Beten eher ins Freie zu gehen. (Germanische Heiligtümer waren zumeist die Natur selbst - Haine - oder Konstruktionen unter freiem Himmel. La Tène-zeitliche Heiligtümer waren ebenfalls nicht überdacht.)

Ausnahmen bildeten z.B. die Hausgottheiten. Diese wurden anfangs am Feuer, am Herd geehrt. In Rom entwickelten sich aus den einfachen Herdfeuer-„Altären“ dann Hausaltäre, so genannte Lararien, an denen aber neben den Laren (den Hausgottheiten) oder dem Genius auch je nach Geschmack andere Gottheiten verehrt werden konnten. Auch die Gottheiten der Unterwelt und importierte orientalische Gottheiten wurden in Tempelinneren oder in Höhlen verehrt.

           

Persönliches Gebet:

Ein seltenes Beispiel von persönlicher, individueller Gebetspraxis vermittelt Scipio Africanus, der Eroberer Karthagos am Ende des 2. Punischen Krieges: Es wird berichtet, dass er nächtens stundenlang im kapitolinischen Tempel des Iuppiter mit Zwiesprache und Gebeten an Iuppiter Optimus Maximus verbracht habe, und zwar sitzend (nicht stehend, wie in den angesprochenen Kulturen normalerweise üblich, sondern in einer bequemen Haltung, förmlich auf „Du und Du“ mit der Gottheit)!

 

Quellen:

Zu den Quellen über griech. Gebete: Freie, persönliche Gebete sind kaum bekannt. Die meisten überlieferten Gebete sind Hymnen. Diese finden sich teilweise in Inschriften, weiters sind die Homerischen Hymnen bekannt, sowie jene von Callimachus und die Orphischen Hymnen. Gebete findet man auch verstreut in den Dramen der altgriechischen Theater-Dichter.

            Römische Gebete findet man z.B. in Catos „De Agricultura“, v.a. jene, die für den bäuerlichen Bereich vorgesehen sind.






Üblicher Aufbau eines Gebetes in der klassischen Antike:

 

1. Rufen der richtigen Gottheit. Dazu Nennung passender Beinamen und Ehrentitel, die vor allem der Bitte entsprechen. Wenn man sich nicht sicher ist, wird häufig eine Wendung wie „oder mit welchem Namen du auch immer gerufen werden möchtest“ hinzugefügt. Dazu die Aufforderung oder Bitte, vom Wohnort oder Kultort hierher zu kommen, um das Gebet zu erhören.

 

Beispiel: Horaz -- Gebet der  Glycera an Venus:

            „Oh Venus, Königin von Knidos und Paphos,

            verschmähe das geliebte Zypern und siedle über

            in den geschmückten Tempel,

            der Dich mit Weihrauchschwaden rufenden Glycera,

            der feurige Knabe mit Dir,

            sowie mit gelösten Gürteln die Grazien;

            und beeilen mögen sich die Nymphen

            sowie -- zuwenig freundlich und ohne Dich --

            Iuventas und Mercurius.“

 

2. Ehrung und Lob. Berufung auf mythologische Szenen der Gottheit, Nennung der Genealogie der Gottheit, Erwähnung früherer Taten, die die Gottheit zugunsten des/r Betenden ausgeführt hat. Preisen der Macht der Gottheit.

 

Beispiel: homerischer Hestia-und-Hermes-Hymnos:

            „.....Du erfreust Dich an der vornehmen Ehre

            und am Vorrang, der Dir gebührt.

            Denn die Sterblichen feiern keine Feste,

            ohne dass der Spender des Trankopfers

            honigsüßen Wein ausgießt,

            Dir Hestia zu Ehren,

            zu Beginn des Festes und am Ende.

            Und Du, Argos-Töter,

            Sohn von Zeus und Maia,

            Bote der Gesegneten,

            goldener Stab, Segnender, .......

            Denn Ihr beide wohnt

            in den noblen Häusern der Menschen auf Erden,

            in gegenseitiger Freundschaft

            gewährt Ihr edlen Beistand in jedem Haus

            sowie Einsicht und Jugend. .....“

 

 

3. Berufung auf die eigene Frömmigkeit und Beziehung zu der Gottheit. Nennung der früher geleisteten Opfer und Taten zugunsten der Gottheit, Nennung der Opfer, die man für die Bitte bereits dargebracht hat.

 

Beispiel: Cato „De Agricultura“, Gebet an Mars :

            „..... weswegen ich um meine Flur, mein Land und mein Gut

            das Schwein-, Schaf- and Stieropfer

            habe herumtreiben lassen,

            auf dass du .... Unheil ... fernhaltest, .....“

 

4. Die eigentliche Bitte.

 

Beispiel: Cato „De Agricultura“, Gebet an Mars :

            „Vater Mars, dich bitte ich flehentlich,

            dass du wohlwollend und geneigt seiest

            mir, meinem Hause und unserer Hausgenossenschaft .....

            sichtbare und unsichtbare Seuchen, Verwaisung und Verwüstung,

            Unheil und Unwetter fernhaltest, abwehrst und abwendest;

            und dass du die Feldfrüchte, Getreide, Wein- und Obstgärten

            wachsen and gut gedeihen lassest,

            Hirten und Herden gesund bewahrst

            und gutes Heil gebest und Gesundheit

            mir, meinem Hause und unserer Hausgenossenschaft....“

 

5. Bei Bedarf: Gelübde oder Schwur. Nennung der Taten und Opfer, die man ausführen wird, wenn der Bitte entsprochen wird. An dieses Votum ist man dann natürlich gebunden (schon aus Selbstschutz: wer will schon mit grantigen Gottheiten konfrontiert sein, die ihre Wut wegen nicht eingehaltener Versprechungen an eine/m auslassen…). Zahlreiche Votivgaben und Weiheinschriften (auch an keltische und germanische Gottheiten im röm. Reich der Kaiserzeit) zeugen von eingelösten Gelübden.

 

Beispiel: Aischylos „Sieben gegen Theben“, Eteokles betet vor der Schlacht:

            „......Euch, Göttern meines Landes, .......gelobe ich laut,

            wenn alles wohl geht und die Stadt gerettet wird,

            zu tränken Euren Götterherd mit Lammesblut,

            Feststiere dankbar Euch zu opfern,

            wenn des Sieges Trophäen wir einweihen

            und das zerschlagene Waffenzeug aufhängen

            rings an Euren Tempeln, Euch zum Schmuck.“

 

 

            Wenn Teil 1 und 2 den Großteil des Gebetes einnehmen, handelt es sich um einen Hymnos, eine reine Ehrung der Gottheit.

            Wenn Teil 3 und 5 und vor allem 4 den Hauptteil ausmachen, ist es ein typisches Bittgebet.

            Wenn die Gottheit benutzt wird, genötigt und gezwungen, die Bitte zu erfüllen, die eigene Macht über die Gottheit hervorgehoben wird bzw. die eigene Wirkmacht, der eigene Wille im Vordergrund steht, ist es ein Zauberspruch.

            Die Grenzen sind meist fließend.....






Zusammenfassung der Gebetspraxis in der klassischen Antike

 

Reinigung

            Vor dem Gebet werden die Hände gewaschen und saubere Kleidung angelegt. Man will die Gottheit ja nicht durch Dreck verschrecken oder beleidigen. 

 

Kleidung

            Griechen: Man bekränzt sich mit einem Kranz von Blumen oder anderen passenden Pflanzen.

            Römer: Männliche Römer bedecken ihren Kopf mit einem Zipfel der Toga. Römische Frauen tragen meist sowieso einen Schleier (v.a. außerhalb des Hauses).

 

Beginn

            Römer: Man blickt zum Himmel, erhebt die Hände mit zum Himmel gewandten Handflächen und ruft den Namen der Gottheit, während man sich im Uhrzeigersinn einmal herum dreht.

 

Übliche Blickrichtung, Stellung und Armhaltung

            Man steht aufrecht mit erhobenen Armen, wobei die Handflächen zum Himmel weisen.

            Griechen: Blickrichtung gen Himmel.

            Römer: Der Blick ist verinnerlicht, das Haupt in Demut leicht gebeugt.

 

Weitere Blickrichtungen, Stellungen und Gesten

            Wenn man in einem Tempel betet, vor einem Altar, einer Statue, oder wenn man weiß, in welcher Richtung sich der Hauptkultort der Gottheit befindet, wendet man sich in diese entsprechende Richtung, die Arme und Handflächen nach vorne in Richtung des heiligen Ortes bzw. des Altares / der Statue. Gebete an die Erdgottheiten und die Unterirdischen: man schlägt mit den Händen auf die Erde, legt die rechte Hand oder beide Hände auf den Erdboden oder weist mit den Handflächen einfach nach unten.

            Flehendes Knien, Niederwerfen, sich am Boden wälzen wird meist nur vor den Götterstatuen oder im Tempel praktiziert. Dazu werden auch die Beine der Götterbilder umfasst. Diese Form kommt nur selten vor, nämlich dann, wenn man richtig verzweifelt ist.

            Griechen: Gebete an Gewässergottheiten: die Arme werden in Richtung des nächsten großen Gewässers ausgestreckt.

            Römer: Durch Berühren des heiligen Gegenstandes mit der rechten Hand bekundet die/der Betende Verehrung und Verbindung zur Gottheit. Das Berühren des Speiseopfers nach dem Gebet profaniert dieses und macht es für Menschen genießbar. Bei flüchtigen Begegnungen mit Gottheiten (Statuen, Tempeln, Naturerscheinungen, etc.) wird die Gottheit meist mit einer Kusshand (rechte Hand) geehrt. Es wird von weiteren Gebetsgesten berichtet, über die aber nur wenig bekannt ist. Eine bei modernen römischen Heid/innen (religio Romana) beliebte Geste ist die adoratio: Man küsst die Finger der rechten Hand (Kusshand) und beschreibt mit der rechten Hand eine großzügige Geste von links nach rechts in einem Bogen vor dem Altar. Danach berührt man mit der Rechten den Altar.

 

Ausdruck

            Gebetet wird mit lauter Stimme. (Leises Beten in der Öffentlichkeit könnte als Fluch missdeutet werden! Und Fluchen galt als gesellschaftsschädigend, wenn es auch wohl jede/r machte. Aber dann eben im Geheimen oder leise.)

            Römer: Die Gebetstexte sind oft von juristischer Genauigkeit. Alles Wichtige muss genau dargelegt werden, nichts darf vergessen werden.

 

Opfergaben

            Darbringen eines Trankopfers (ausgießen eines zur Gottheit passenden Trankes (meist Wein) je nach Möglichkeit auf den Boden, auf den Altar, ins Herd- oder Altarfeuer). Daneben kann man auch andere Dinge (Blumen, Speisen, etc.), die passend scheinen, opfern. Es gilt grundsätzlich: kein Gebet ohne begleitendes Ritual / Opfer und vice versa. (Im Gegensatz zum frühen Christentum, wo Beten alleine genug war. Typisch heidnisch ist also immer eine Opfergabe zum Gebet!)

            Griechen: Man nimmt, v.a. bei Bittgebeten, mit Wolle umwundene Zweige zur Hand, zumeist von einer der Gottheit geweihten Pflanze. Die Zweige werden beim oder nach dem Beten als Gabe auf den Altar oder vor die Götterstatue gelegt.

            Römer: Zum Trankopfer (das meist aus der Patera (Omphalosgefäß) ausgegossen wird) wird auch Räucherwerk auf glühende Kohlen geworfen.

 

Abschluss

            Römer: Man wendet sich wiederum nach rechts bzw. dreht sich einmal im Uhrzeigersinn.

 

Beten in Gemeinschaft

            Der/Die Vorbeter/in (Haushaltsvorstand in der Familie, Priester/in bei öffentlichen Zeremonien) betet. Bei offiziellen Ritualen gebietet der Schall von Hörnern oder Trompeten vor dem Gebet der Gemeinde zu schweigen, sodass die/der Priester/in gehört werden kann. Um rituelle Störungen abzuwehren, wird das Gebet meist gesungen und entsprechend von Flötenklängen begleitet.

            Römer: Die Gemeinde wiederholt nach dem Gebet oft zusammen die Abschlussformel oder auch Vers für Vers nach dem Vorbeter / der Vorbeterin, und hie und da ist es auch üblich, dass alle individuell laut beten und so eine Kakophonie von Stimmen erzeugen. Um die Genauigkeit der Gebetstexte zu gewährleisten, gibt es oft eine/n Priester/in, der der/m Beter/in die Worte zuflüstert. Fehler beim offiziellen Gebet haben zur Folge, dass das gesamte Gebet von vorne wiederholt werden muss.

 






Hinweise bei Kelten und Germanen

 

Im Gegensatz zur klassischen Antike sind die Quellen bei Kelten und Germanen über das Beten recht dürftig. Es ist daher fraglich, inwieweit die paar Hinweise verallgemeinerbar sind.

 

Gebetstexte:

            Kelten: In der Antike gab es vielleicht einen ähnlichen Gebetsaufbau wie in der klassischen Antike (s. Inschrift von Chamalières). Bei den Inselkelten: gibt es viele mittelalterliche christliche Gebete, die sehr heidnisch anmuten. V.a. die „Lorica“ (umfassendes Schutzgebet, bekannt von Patrick oder Brigit), sowie unzählige Segenssprüche (z.B.: aus der Carmina Gadelica).

            Germanen: Aus der Antike ist nichts bekannt. Für die Wikinger und das Mittelalter gibt es einige Beispiele an heidnischen (oder heidnisch anmutenden christlichen) kurzen Gebeten oder Anrufungen in der Edda (z.B. im Sigrdrífumál) und anderen nordischen, althochdeutschen oder altenglischen Schriften.

 

Gebetshaltungen:

            Kelten: Polybios berichtet, dass gefangene Kelten im Lager Hannibals stehend mit ausgebreiteten, zum Himmel gewandten Händen beteten. Ähnlich wie die Römer haben sich die Kelten dann beim (oder nach?) dem Beten nach rechts gewandt (Poseidonios, zit. bei Athenaios). Plinius erzählt aber, dass sie sich nach links gewandt hätten (wobei aber die rechte Seite eher wahrscheinlich ist). Hallstattzeitliche und La Tène-zeitliche Kunst zeigt manchmal Gottheiten oder Menschen in außerordentlichen Körperhaltungen. Es kann sein, dass die eine oder andere eine Gebetshaltung darstellt.

            Sonderform zu Samain im alten Irland: Niederwerfungen vor dem Steinbild des Crom Cruach, bis die Knie und die Nase bluten. (aufgeschrieben in den Prosadindshenchas, wobei man aber auch christliche Propaganda vermuten könnte).

            Germanen: Die Kniebeuge auf einem Knie mit schräg nach vorn erhobenen Armen und aufblickendem Gesicht zeigt die Statue des betenden Sueben sowie ein Bildnis auf der Marcus-Säule in Rom. Langobarden sollen ebenfalls mit gebeugtem Knie und gesenktem Haupt vor einem Ziegenbockkopf gebetet haben. Tacitus erwähnt den Blick zum Himmel beim Loswerfen. Kniebeugen oder Kopfneigen beim Beten ist auch für die Wikinger belegt, so im Sólarljodh “Ich verneige mich vor ihr (der Sonne) zum letzten Mal in dieser Welt.“ und im altisländischen Runengedicht für Sol: „Die Sonne ist das Licht der Länder, ich verbeuge mich vor dem himmlischen Gericht.“. Laut dem altisländischen Landnámabok begrüßte man täglich nach Osten gewandt die aufgehende Sonne. Altenglische Zaubersprüche erwähnen auch die Wendung nach rechts (s. röm. Brauch). Die Männer bei den frühchristlichen Goten nahmen bei der hl. Messe ihre Kopfbedeckung ab (mit Ausnahme des Fürsten).  

            Eine öfters erwähnte Gebetsform dürften Niederwerfungen gewesen sein. Tacitus erwähnt dies für den Semnonenhain, wo die Adorant/innen sogar gefesselt waren, weshalb dieser Wald auch Fesselhain genannt wird. Die Olafs-Saga erzählt von Niederwerfungen vor einem Thor-Bildnis und der arabische Reisende Ibn Fadlan berichtet von Niederwerfungen der Rus vor einem Pfahlgott am Ufer des Dnjepr.

            Moderne Asatruar beten aber lieber stehend mit erhobenen Armen.

 

Opfergaben:

            Archäologisch aus der keltischen Eisenzeit sind Opfer (wobei es bei den Kelten offenbar Brauch war, Opfergegenstände zu zerstören, um sie so als Opfer gültig zu machen) und Umtrünke sehr gut belegt und in den mittelalterlichen keltischen und nordischen Schriften erwähnt sind Umtrünke, Trankopfer und magische Getränke (Bier und Met). Es ist stark anzunehmen, dass auch Kelten und Germanen zum Beten opferten. Das „do-ut-des“-Prinzip („ich gebe, damit du gibst“) ist wohl in allen heidnischen Traditionen üblich.






Neuheidnische und andere Gedanken zum Beten

 

Ein Paradox:

„Viele Religionsgelehrte und Theologen haben das Paradox zu lösen versucht, den unveränderlichen Willen der Gottheit durch menschliche Gebete ändern zu wollen. Es gilt als allgemein anerkannt, dass der göttliche, das Gute erstrebende Wille nicht zu ändern ist, dass aber die Gebetstätigkeit in der Lage ist, den Willen des Menschen zu stärken, seine Seele zu läutern und somit eine ganzheitliche Änderung zum Guten zu bewirken. So kann das Gebet dem betenden Menschen neue Erkenntnisquellen öffnen und ihm inneren Antrieb zur Erfüllung seiner Bitten und Wünsche verleihen.“ (Wikipedia)

 

Das heißt: Wenn die Gottheiten immer das letztlich Gute wollen (und die Zukunft kennen), ist beten eher sinnlos, da ja die Gottheiten nach Ihrem Dafürhalten handeln und nicht auf Wünsche hören. Im Polytheismus ist es aber oft so, dass die Gottheiten einzelne Wünsche haben, die auch konträr zu denen anderen Gottheiten sein können (weshalb sie schon einmal nicht allmächtig sind). Und dass Gottheiten auf Opfer angewiesen sind, wie es auch im Rig Veda vorkommt, deutet wohl an, dass Sie durchaus auf Gebete hören (wenn Sie es wollen). Nur sind Sie dann nicht mehr allgütig und allwissend .....

 

Zum Händefalten:

            Das Händefalten taucht in der christlichen Religion erst im Mittelalter, bedingt durch germanische Tradition auf. Das Händefalten kommt im Sachsenspiegel als eine Unterwürfigkeitsbezeugung bei der Lehensvergabe vor. Der Lehensnehmer legte seine gefalteten Hände in die Hände des Lehensherrn (auch Frauen sind in beiden Positionen vertreten). Diese Geste wird auch noch heute von frischgebackenen katholischen Priestern am Ende ihrer Priesterweihe gegenüber dem Bischof gebraucht.

            Frühe Christ/innen beteten wie ihre heidnischen Zeitgenoss/innen: mit erhobenen Händen (im Frühchristentum taucht regelmäßig die sog. Orante auf - die Seele, die sich mit erhobenen Händen gen Himmel erhebt).

Plinius und Ovid sollen davon berichten, dass die Geste der gefalteten Hände mit verschlungenen Fingern eine Abwehr gegen Dämonen darstellt.

Das Händefalten ist auch in Indien und im fernen Osten, bei Hindus, Buddhist/innen und Shintoist/innen gleichermaßen eine beliebte Gebetsgeste. Wahrscheinlich hat sie sich aus einem entsprechenden Mudra entwickelt - oder aber es ist eine Bittgeste, die in vielen Teilen der Welt vorkommt.

 

Zu den Demutsgesten:

            Neben Händefalten ist wohl Knieen oder gar Niederwerfen, auch das Neigen des Kopfes, eine Demutsgeste. Auch die erhobenen Hände können eine bittende Geste sein. Demutsgesten tauchen auch in anderen als den monotheistischen Religionen auf. Verneigungen und Niederwerfungen tauchen im Buddhismus, im Hinduismus, im Voodoo und anderen traditionellen Religionen auf. Und sogar bei Griechen und Römern warf man sich schon mal vor dem Gottheitenbild nieder, wenn auch nur in höchster Verzweiflung. Die neuheidnische gerne geäußerte Idee, dass traditionelle Religionen so ganz andere, stolze Beziehungen zu den Gottheiten hatten als die Monotheisten, die immer vor ihrem Gott buckeln, kann so nicht stehenbleiben. Gerade bei Germanen sind die Quellen zum Knieen und Niederwerfen erdrückend. Und umgekehrt waren die frühen Christ/innen beim Beten genauso stolz und aufrecht wie die Heid/innen. Dieses aufrechte Beten mit erhobenen Händen wird übrigens heutzutage vor allem von Pfingstbewegungen und den Evangelikalen praktiziert - Bewegungen, die äußerst fanatisch und fundamentalistisch sind. Was beweist, dass stolze Ritualgesten keine freie, liberale Religion voraussetzen und vice versa.

 

 

Wenn die Gottheiten nicht tun, worum man gebeten hat:

         Natürlich tun die Göttinnen und Götter nicht immer das, worum man im Gebet bittet. Im Gegensatz zum Monotheismus hat man als Polytheist/in die Ausrede, dass andere Gottheiten dagegen waren und die angeflehte Gottheit damit zu schwach, einer/m zu helfen. Je nach Charakter des/r Betenden und nach Glaubensvorstellung kann man natürlich die Schuld bei sich selbst suchen, das heißt, dass man annimmt, man selbst hätte gegen Götterwillen gefehlt und werde deshalb bestraft oder man könnte denken, dass die Gottheiten wichtigeres zu tun hatten (dass man also unwürdig oder unwichtig ist). Die konsequente Handlung wäre ein noch frommeres, devoteres Verhalten, um der Gottheit zu gefallen oder sich selbst zu strafen (zu kasteien, etc.). M.E. ist so eine Haltung aber eher selbstverleugnend, absolut sklavisch oder sogar selbstzerstörerisch - wenn auch so ein Gedankengut durchaus im klassischen Heidentum üblich war.

Andererseits gibt es aber auch die gegenteilige Reaktion: sowohl im Mono- als auch im Polytheismus war und ist es üblich, mit den angeflehten Mächten böse zu sein. Wenn das „do-ut-des“-Prinzip von göttlicher Seite nicht eingehalten wurde, gibt es natürlich auch keinen Grund, das eigene Gelübde zu erfüllen. Aus der Antike gibt es sogar Beispiele, dass mit den Gottheiten geschimpft wurde, oder sogar ihre Statuen geschmäht wurden. Diese Ansicht entspricht auch eher meiner persönlichen Praxis.

Andererseits gab es unter Gelehrten schon seit dem 5. Jhdt. v. Chr. in Griechenland Diskussionen darüber, dass man nicht um spezielle Güter bitten sollte sondern um das Gute im Allgemeinen, da die Gottheiten ja wüssten, was für die/den Betenden am besten sei. Eine "höhere" Ethik, die über die eigenen Wünsche hinaus geht, ist also keineswegs erst mit dem Christentum aufgekommen. Damit wären wir aber auch wieder beim anfangs angesprochenen Paradox - wenn die Gottheiten eh wissen, was für uns gut ist, dient das Gebet ausschließlich zur Reflexion oder Meditation über ein Problem und hat auf die Gottheiten keinen manipulativen Charakter mehr.

Wie auch immer, als Recon-Heid/in hat man all diese Reaktionsmöglichkeiten, wie immer es einer/m beliebt, da all diese in der klassischen Antike bezeugt sind. Ein allgemein gültiges Dogma über das Verhältnis zu den Gottheiten und die daraus folgende Moral lässt sich kaum ableiten.






Anhang 1: Beispieltexte für Gebete

 

Griechen

 

 

Homerischer Hymnos an Hestia und Hermes (ca. 6. Jhdt.v.Chr.):

 

Hestia,

Du, die Du in der Höhe über allen wohnst,

sowohl über den Unsterblichen Gottheiten

als auch über den Menschen,

die auf Erden wandeln.

Du nennst eigen Deinen ewigen Sitz

als Privileg Deines Alters.

Du erfreust Dich an der vornehmen Ehre

und am Vorrang, der Dir gebührt.

Denn die Sterblichen feiern keine Feste,

ohne dass der Spender des Trankopfers

honigsüßen Wein ausgießt,

Dir Hestia zu Ehren,

zu Beginn des Festes und am Ende.

Und Du, Argos-Töter,

Sohn von Zeus und Maia,

Bote der Gesegneten,

goldener Stab, Segnender,

sei gnädig und hilf,

zusammen mit Hestia,

die, die Dich lieben und verehren.

Denn Ihr beide wohnt

in den noblen Häusern der Menschen auf Erden,

in gegenseitiger Freundschaft

gewährt Ihr edlen Beistand in jedem Haus

sowie Einsicht und Jugend.

Heil Dir, Tochter des Kronos,

und auch Dir, Hermes mit dem goldenen Stab.

Euch und die anderen Gottheiten

werde ich mit Gesängen ehren.

 

 

Aus „Sieben gegen Theben“ von Aischylos’ (5. Jhdt.v.Chr.).
Eteokles betet vor der Schlacht:

 

Fleht das Bessere,

dass Mitstreiter uns die Götter seien.

Wenn ihr vernommen mein Gelübde,

feierlich beginnet dann

der Weihe heiligen Festgesang

in der opferweihenden Weise des Hellenenvolks,

den Unsern Mut anfachend, selber frei von Angst.

Euch, Göttern meines Landes,

Euch, Stadtschirmenden,

Euch, Feldeswaltenden,

Euch, den Hütern dieses Marktes,

Euch, Dirkes und Ismenos Quellen,

gelobe ich laut,

wenn alles wohl geht und die Stadt gerettet wird,

zu tränken Euren Götterherd mit Lammesblut,

Feststiere dankbar Euch zu opfern,

wenn des Sieges Trophäen wir einweihen

und das zerschlagene Waffenzeug aufhängen

rings an Euren Tempeln,

Euch zum Schmuck.

 

 

Aus „Thesmophoriazusen“ von Aristophanes’ (5. Jhdt.v.Chr.).
Gebet zu den Opferfeiern, gesprochen von einer Heroldin:

 

Stille! Stille!

Betet zu den Thesmophoren,

Demeter und Persephone;

betet zum Plutos, zur Kalligeneia,

zur Kourotrophos, zur Gaia,

zum Hermes und zu den Chariten,

dass sich zu dieser Zusammenkunft

alles zum Besten wende,

sowohl für den großartigen Sieg Athens,

als auch für Eure eigene Freude!

Lob sei Ihr,

die es am meisten verdient hat,

durch Taten und Worte geehrt zu werden

durch die Leute von Athen

und durch die Frauen!

Sendet diese Gebete zum Himmel,

damit Freude Euch erfüllt.

Io Paian! Io Paian!

Freude sei mit uns!

 

 

Hymnos an Zeus aus der Sammlung der orphischen Hymnen (ca. 3. Jhdt.v.Chr.):

 

Ich rufe den großen, den heiligen

Lautkrachenden, ringsum leuchtenden,

den luftigen, lodernden, feuerprasselnden

Donnerer der Luft, der den Wolkenstrahl

mit lautrasendem Klange blitzt,

den grausigen, herzbedrückenden,

unbesieglichen, hehren

Zeus, den blitzenden Gott:

Allerzeuger, erhabenster König,

schenk uns in Gnaden ein freundliches Ende!

 

 

 

Römer

 

Aus „De Agricultura“ von Cato d. Älteren (2. Jhdt.v.Chr.).
Gebet
an Mars:

 

Vater Mars,

dich bitte ich flehentlich,

dass du wohlwollend und geneigt seiest mir,

meinem Hause und unserer Hausgenossenschaft,

wessenthalben ich um meine Feldflur,

mein Land und mein Landgut

das Schwein-, Schaf- and Stieropfer

habe herumtreiben lassen.

auf dass du Seuchen,

sichtbare und unsichtbare

Verwaisung und Verwüstung,

Unheil und Unwetter

fernhaltest, abwehrst und abwendest;

und dass du die Feldfrüchte, Getreide,

Wein- und Obstgärten

groß werden and gut gedeihen lassest,

Hirten und Herden heil haltest

und gutes Heil gebest und Gesundheit

mir, meinem Hause und unserem Gesinde.

Dieser Dinge halber,

der Entsühnung meines Landgutes,

meines Landes und meiner Ackerflur

und der vorzunehmenden Weihe halber,

wie ich gesagt habe,

sei geehrt durch dieses Opfer

von saugendem Schwein, -Schaf and Stier.

Vater Mars, der gleichen Sache halber sei geehrt

durch diese saugenden Tiere hier,

durch Schwein, Schaf und Stier!

 

 

An die Göttin Roma,
Hymnos von Melinno (griech. Dichterin), 2. Jhdt. v. Chr.:

 

Heil Dir, Roma, Du Tochter des Ares,

golden gegürtete, kluge Herrin,

die Du den stolzen Olymp auf Erden bewohnest,

der niemals stürzet.

Dir allein, Erhabene, gab das Schicksal

unzerstörbarer Herrschaft Königsehre,

dass Du kraft Deiner Allgewalt hieltest

aufrecht die Führung.

Unter dem Joch Deiner starken Zügel

liegt der Erde Brust und auch das graue

Meer gebändigt, sicher beherrschst Du

Städte der Völker.

Alles bringt die dauernde Zeit zu Falle,

stetes verändert sie wieder

von Grund auf das Leben,

Dir allein raubt sie niemals günstigen Fahrwind

für Deine Herrschaft.

 

 

Aus der „Argonautica“ von Valerius Flaccus (1. Jhdt.n.Chr.).
Perses betet nach der verlorenen Schlacht vor Colchis gegen Aeetes und Iason:

 

Ihr Götter über mir,

warum habt Ihr mich in die Irre geführt?

Warum gabt Ihr mir Omen,

die mich von zu Hause weg lockten,

um meine skythischen Streitkräfte aufzuhetzen

und sie alle miteinander

in diese törichte Schlacht zu verwickeln?

Eure Auguren haben gelogen!

Du, Iuppiter, hast mir Triumph

über meinen Bruder versprochen,

Du ließest mich in dem Glauben,

dass diese argivischen Ausländer

für meine Sache einstehen würden.

Im Lichte zu leben bedeutet,

solche grausamen Eidbrüche ertragen zu lernen.

Welcher Ehrenmann kann so etwas aushalten?

Besser ist es zu sterben!

Und dennoch bitte ich darum,

dass mir die Fates einen weiteren Tag gönnen,

damit ich die Achaier verraten

und sie ebenfalls vernichten kann,

so wie sie es verdienen.

Lasst mich leben, damit ich Iason betrachten kann,

wie er, so stolz über seinen Heldenmut,

hintergangen wird

und seine Bemühungen hassen wird,

da sie sich alle im Nichts auflösen.

 

 

Ode an Venus von Horaz (1. Jhdt.v.Chr.):

 

Oh Venus, Königin von Knidos und Paphos,

verschmähe das geliebte Zypern und siedle über

in den geschmückten Tempel,

der Dich mit Weihrauchschwaden

rufenden Glycera,

der feurige Knabe mit Dir,

sowie mit gelösten Gürteln die Grazien;

und beeilen mögen sich die Nymphen

sowie – zuwenig freundlich und ohne Dich –

Iuventas und Mercurius.

 

 

Kelten

 

Gallische Formeln für Beginn und Ende eines Zauberspruchs (und eines Gebets?)
anhand des Heilzauberspruchs von Chamalières (Frankreich, ca. 1. Jhdt.n.Chr.)
Die Übersetzung ist nicht ganz gesichert:

 

Beginn:

ANDEDION  UEDIIUMI  DIIIUION  RISUNARTIU  MAPONON

“Durch die Gottheiten und die Unterirdischen

rufe ich die Kraft von Maponos”

Der Mittelteil besteht aus Anrufung der

kranken Personen (alle mit römischem Namen) und kurzen  Heilsprüchen für ihre jeweilige Krankheit.

Schluss:

ISOC  CANTI  RISSU, ISON  SON  BISSIET

„Durch diese Anrufung soll es sein“ oder

„Dies wird nach uns sein und vor uns“

LUGE  DESSUMMIIS (3x), LUXE

«Durch den Eid tue ich dies» oder

„durch die positive rechte Seite bekräftigt“

 

 

Gebet für langes Leben

irisch, 8. Jhdt. Bis auf „der König aller Wesen“ scheint dieses Gebet recht heidnisch:

 

Ich rufe die sieben Töchter des Meeres an,

welche der Menschen Lebensfäden wirken.

Drei Tode seien von mir genommen,

drei Leben seien mir gegeben,

und sieben Wogen der Fülle mir geschenkt.

 

 

Gespenster sollen mir nicht schaden,

wenn ich in schimmernd fleckenlosem Panzer

des Weges ziehe.

Mein Ruhm soll nicht gemindert werden.

Leben sei mir gewährt,

nicht komme zu mir der Tod,

bis ich alt bin.

 

 

Ich rufe meinen Silberkämpen an,

der nicht stirbt und nicht sterben wird.

Eine Zeit werde mir zuteil

von der Güte weißer Bronze.

Möge meine Gestalt erhöht werden,

möge mein Recht mir gewährt bleiben,

möge meine Kraft sich mehren,

möge mein Grab nicht bereitet sein.

 

 

Nicht erreiche mich der Tod auf der Reise,

meine Rückkehr sei gesichert.

Die doppelköpfige Schlange

soll mich nicht ergreifen,

noch der grimmige graue Wurm,

noch der kopflose schwarze Käfer.

Kein Dieb soll mir schaden,

noch eine Schar von Frauen,

noch ein bewaffneter Haufen.

 

 

Der König aller Wesen soll meine Zeit vermehren.

Ich rufe Senach an,

der sieben Lebensalter durchlebte,

den Feen an den Brüsten der Fülle ernährten.

Mögen meine sieben Kerzen nicht gelöscht werden!

Ich bin eine unbezwingliche Feste,

ich bin ein unverrückbarer Fels,

ich bin ein kostbarer Stein,

ich bin der Inbegriff von sieben Reichtümern.

Möge ich ein Hunderter sein

an Besitztümern, an Jahren,

ein Hundert nach dem anderen!

 

 

Die Lorica (Brustpanzergebet, „Ruf des Rehs“) des hl. Patrick (ca. 8. Jhdt.).
Der heidnische König Loegaire lauerte dem Patrick und seinen Gefährten auf. Durch dieses Gebet konnte sich Patrick schützen und unentdeckt bleiben. Obwohl dieses Gebet christlich ist, scheint die Form heidnischen Ursprungs:

 

 

I

Als mein Schild an diesem Tag rufe ich:

Eine gewaltige Macht:

Die hl. Dreifaltigkeit!

Bestätigend Dreiheit,

Bekennend Einheit

der Schöpfung durch den Schöpfer.

 

II

Als mein Schild an diesem Tag rufe ich:

Die Macht Christi in seinem Wiederkommen

und in seiner Taufe,

die Macht Christi in seinem Sterben

am Kreuz, seiner Auferstehung

vom Grabe, seinem Aufsteigen;

die Macht Christi in seinem Kommen

zum Gericht und zum Ende.

 

III

Als mein Schild an diesem Tag rufe ich:

Die starke Macht der Seraphim,

mit Engeln, die ihnen unterstehen,

und Erzengeln dabei,

in prächtiger Gesellschaft

mit den Heiligen und Auferstandenen,

wie in den Gebeten der Väter,

wie in den prophezeiten Visionen

und den apostolischen Befehlen,

wie in den Annalen des Zeugnisses,

in jungfräulicher Unschuld,

über die Taten der standhaften Menschen.

 

IV

Als mein Schild an diesem Tag rufe ich:

Des Himmels Macht,

des Mondes Weiß,

des Feuers Herrlichkeit,

des Blitzes Schnelligkeit,

des Windes Wildheit,

des Ozeans Tiefe,

der Erde Festigkeit,

des Felsens Unbeweglichkeit.

 

V

An diesem Tag rufe ich zu mir:

Gottes Stärke mich anzuleiten,

Gottes Macht mich aufzurichten,

Gottes Weisheit mich zu führen,

Gottes Vision mich zu erleuchten,

Gottes Ohr mich zu erhören,

Gottes Wort für mein Sprechen,

Gottes Hand mich zu unterstützen,

Gottes Wege vor mir,

Gottes Schild mich zu schützen,

Gottes Legionen mich zu retten:

von den Schlingen der Dämonen,

von bösen Verlockungen,

von den Schwächen der Natur,

von einem Menschen oder mehreren

die suchen mich zu zerstören,

in nächster Nähe oder weitester Ferne.

 

VI

Um mich herum sammle ich:

diese Heerscharen zu erretten

meine Seele und meinen Körper

von dunklen Mächten die mich angreifen:

gegen falsche Prophezeiungen,

gegen heidnische Machenschaften,

gegen häretische Lügen

und falsche Götter überall um mich herum.

Gegen Bannflüche verhängt von Frauen,

von Schmieden, von Druiden,

gegen gesetzloses Wissen

das dem Körper schadet,

das dem Geiste schadet.

 

VII

Christus sei an diesem Tage

mein starker Beschützer:

gegen Gift und Brand

gegen Ertrinken und Verwundung,

durch seine weite und unermessliche Güte.

Christus neben mir, Christus vor mir;

Christus hinter mir, Christus in mir;

Christus unter mir, Christus über mir;

Christus zu meiner Rechten,

Christus zu meiner Linken;

Christus in meinem Liegen, meinem Sitzen, meinem Erheben;

Christus im Herzen von allen, die mich kennen,

Christus auf der Zunge von allen, die mir begegnen,

Christus in den Augen aller die mich sehen,

Christus in den Ohren aller die mich hören.

 

VIII

Als mein Schild an diesem Tag rufe ich:

Eine gewaltige Macht:

Die hl. Dreifaltigkeit!

Bestätigend Dreiheit,

Bekennend Einheit

der Schöpfung durch den Schöpfer.

 

IX

Des Herrn ist Heil

Des Herrn ist Heil

Des Christos ist Heil

Dein Heil, o Herr, sei stets mit uns.

 

 

An Brigit (heidnische Göttin, christliche Heilige)), Sammlung: Carmina Gaidelica (schottische Folklore).
Bis auf die Erwähnung von Maria und Jesus, könnte dieses Gebet genausogut heidnisch sein:

 

Brigit, Tochter Dughaill des Braunen,
Sohn von Aodh, Sohn von Art, Sohn von Conn
Sohne von Criara, Sohn von Cairbre, Sohn von Cas,
Sohn von Cormac, Sohn von Cartach,

Sohn von Sonn.

 

 

Brigit der Mäntel,

Brigit des Torfhaufens,
Brigit der geflochtenen Zöpfe,
Brigit der Weissagungen.

Brigit der weißen Füße,

Brigit der Stille,
Brigit der weißen Handflächen,
Brigit der Kühe.

Brigit, Gefährtin

Brigit des Torfhaufens,
Brigit, Hilfe der Frauen

Brigit, du milde Frau.

 

 

Jeden Tag und jede Nacht,
in der ich [St.] Brigits Herkunft spreche:

Werde ich nicht getötet werden,
werde ich nicht verwundet werden,
werde ich nicht verkerkert werden,
werde ich nicht zerhauen werden,
werde ich nicht zerrissen werden,

Werde ich nicht beraubt werden,
werde ich nicht zertreten werden,
werde ich nicht entkleidet werden,
werde ich nicht zerspalten werden,

noch wird Christus mich vergessen!

 

 

Nicht wird mich die Sonne verbrennen,
nicht wird mich das Feuer verbrennen,
nicht wird mich ein Strahl verbrennen,
nicht wird mich der Mond verbrennen.

Nicht wird mich das Wasser ertränken,
nicht wird mich der Sumpf ertränken,
nicht wird mich die Flut ertränken,
nicht wird mich der Fluss ertränken,

Nicht wird der Nachtmahr auf mir liegen,
nicht wird der Schwarzschlaf auf mir liegen,
nicht wird der Zauberschlaf auf mir liegen,
nicht wird das luath-luis? Auf mir liegen.

Ich bin unter dem Schutze meiner heiligen Maria,

meiner Begleiterin, und meiner geliebte Brigit.

 

 

 

Germanen

 

Angelsächsischer Flursegen (11. Jhdt.),
Teil einer langen Beschreibung über die Fruchtbarmachung unfruchtbaren Landes. Bis auf die Erwähnungen des „ewigen Herrn“ und Gott  scheint dieses Gebet noch sehr heidnisch:

 

Die Erde bitt ich und den Oberhimmel:
Erce, Erce, Erce Erdenmutter
Es gönne der allwaltende ewige Herrscher,
Dass die Äcker grünen und gedeihen,
Voll werden und sich kräftigen,
Er gönne Garben
Und des Roggens Wachstum
Und des weißen Weizens Wachstum
Und aller Erde Wachstum –

Es gönne ihm der ewige Herr

und seine Heiligen, die im Himmel sind,

dass sein Erdboden gefriedet sei

gegen alle Feinde immerdar,

und dass sie geborgen sei gegen alles Übel,

und Zauberlieder, die im Land sind.

Nun bitte ich Dich Waltender,

der die Welt geordnet hat,

dass keine beredte Frau und kein kundiger Mann

zu wenden vermöge das Wort,

das gesprochen wurde.

Heil sei dir, Erdflur, der Irdischen Mutter!
Sei du grünend in Gottes Umarmung,
Mit Frucht gefüllt den Irdischen zu frommen.”

 

 

Gebet der Walküre Sigdrifa im Sigrdrifumal (13. Jhdt. - Edda), nachdem sie erwacht war:

 

Heil Tag! Heil Tagsöhne!

Heil Nacht und Nachtkind!

Mit holden Augen schaut her auf uns

und gebt uns Sitzenden Sieg!

Heil Asen! Heil Asinnen!

Heil fruchtschwerer Flur!

Rat und Rede

gebt uns Ruhmreichen zwein

und Heilkraft den Händen stets!

 

 

Gebet an Odin und Thor im Hyndlalied (13. Jhdt.), Edda:

 

Lass Heervater um Huld uns bitten!

Er vergilt und gibt Gold den Seinen:

Hermod gab er Helm und Brünne,

schenkte Sigmund ein Schwert zu eigen.

Gibt Sieg den Söhnen,

Besitz den Schnellen,

Rat und Rede Recken vielen,

Fahrtwind den Kriegern,

Dichtkunst den Skalden,

gibt Mannesmut manchem Helden.

 

Thor will ich opfern,

treu will ich bitten,

dass immer hold er Hyndla sei;

ob Feind er auch den Frauen der Riesen.

 

 






Quellen

 

Gebet allgemein:

 

Wikipedia über das Gebet

 

Gebet in der klassischen Antike:

 

ANDRESEN Carl et al, "Lexikon der Alten Welt, A - G", Patmos Verl, u. Albatros Verl., Düsseldorf 2001, ISBN: 3-491-96036-3

 

Griechisch beten:

 

BRUIT ZAIDMAN Louise u. SCHMITT PANTEL Pauline, „Die Religion der Griechen -- Kult und Mythos“, (Original 1991: La religion grecque, ins Deutsche übersetzt von Andreas Wittenburg), C.H. Beck 1994, ISBN 3 406 38146 4.

 

CALLIMACHUS, „Lycophron, Aratus“ (Hymns and Epigrams), (ins Englische übersetzt von A.W. Mair und G.R.Mair), griechisch-englische Ausgabe, Harvard University Press, Cambridge-Massachusetts-London, 1989 (1. Auflage 1921), ISBN 0-674-99143-5

 

HOMER, „Homeric Hymns and Apocrypha“, (ins Englische übersetzt von Martin L. West), griechisch-englische Ausgabe, Harvard University Press, Cambridge-Massachusetts-London, 2003, ISBN 0-674-99606-2

 

„Orpheus, Altgriechische Mysterien (Hymnen)“, (ins Deutsche übersetzt von J.O. Plassmann), Eugen Diederichs Verlag, München 1992 (1. Auflage 1982), ISBN 3-424-00740-4

 

Orphische Hymnen:

http://www.sacred-texts.com/cla/hoo/index.htm

 

Die homerischen Hymnen:

http://www.perseus.tufts.edu/cgi-bin/ptext?doc=Perseus%3Atext%3A1999.01.0138;layout=;loc=1.1;query=toc

 

Die Hymnen von Callimachos:

http://www.theoi.com/Text/CallimachusHymns1.html


 

Römisch beten:

 

RÜPKE Jörg, „Die Religion der Römer ��" Eine Einführung“, C.H. Beck, München 2001, ISBN 3 406 47175 7

 

Alles über das römische Gebet und links zu Original-Gebeten:

http://www.religioromana.net/romanprayers.htm

 

Gute Abhandlung über das römische Gebet auf Englisch:

http://www.novaroma.org/religio_romana/posture.html

....oder Deutsch:

http://www.novaroma.org/religio_romana/posture.html.de

 

Keltisch beten:

 

CARMICHAEL Alexander, "Carmina Gadelica - Hymns and Incantations, Collected in the Highlands and Islands of Scotland", Floris Books, Edinburgh, 5. Aufl. 2006 (1. Aufl. 1855 - 1910), ISBN 0-86315-520-0

 

MAIER Bernhard, “Die Religion der Kelten ��" Götter, Mythen, Weltbild”, C.H. Beck, München 2001, ISBN 3 406 48234 1

 

DE WAAL Esther, „The Celtic Way Of Prayer ��" the recovery of the religious imagination“, Hodder and Stoughton Ltd., London 1996, ISBN 0-340-65166-0

 

 

Germanisch beten:

 

STEINBOCK Fritz, „Das heilige Fest ��" Rituale des traditionellen germanischen Heidentums in heutiger Zeit“, Verlag Daniel Junker, Hamburg 2004, ISBN 3-938432-00-4

 

Die Edda. Götterdichtung, Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen. Ins Deutsche übertragen von Felix Genzmer. Hugendubel, München 1981, ISBN 3-89631-411-4

 

Die Edda. Vollständige Übersetzung von Karl Simrock, Phaidon Verlag, Essen, 3-88851-112-7

 

Eine gute Abhandlung über germanische/nordische Gebetspraxis findet man hier:

http://www.hrafnar.org/norse/worship.html