Cretima Celtica
 
 
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Als ich meinen ersten Hahn opferte (2009) (G)

 

„Do ut des!“ -- „Ich gebe, damit du gibst!“, lautet die lateinische Rechtsformel, die das Verhältnis der Menschen zu den Gottheiten bezeichnet. Dieser Sinn der immerwährenden Gabe und Gegengabe liegt annähernd jeder heidnischen und/oder traditionellen Opferpraxis zugrunde. Das Opfer verbindet Gottheiten und Menschen. Das Opfer kann sich in vielen Variationen ausdrücken. Eine der ursprünglichsten, würde ich meinen, ist das Opfern von Speis und Trank. Neben Atmen ist Essen und Trinken überlebensnotwendig, und was liegt da näher, als das, was uns nährt, mit denen zu teilen, von denen polytheistische Menschen annehmen, dass es von Ihnen kommt?

 

Eine besondere Form des Speiseopfers ist das Tieropfer. Besonders ist es deshalb, weil Blut fließt, weil ein fühlendes Wesen ins Jenseits befördert wird, damit man selbst etwas Nährendes zu beißen bekommt. Tieropfer sind ohne Fleischgenuss nicht denkbar oder zumindest ziemlich absurd. Tatsächlich dürfte es in rein vegetarischen Kulturen und Religionen keine Tieropfer geben. So spendeten die antiken Orphiker zum Beispiel den Gottheiten ausschließlich Räucherwerk (und wandten sich damit absichtlich gegen die übliche Tieropferpraxis), und viele Hindus geben den Unsterblichen nur vegetarische Speisen. (Blutopfer gelten hierbei sogar als unrein.)


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Prozession zum Altar mit geschmückten Opferstieren. Die Schlächter (Opferdiener) tragen die Äxte mit sich, mit denen sie den Stieren den Schädel einschlagen. (Trajansäule, Abguss im Museo Della Civilta Romana, Rom)

In der Logik der klassischen Antike zum Beispiel durfte man Tieren nur während der Weihehandlung das Leben nehmen, denn im Normalfall war Töten tabu, da man so die Grenze zum Heiligen (dem Leben) verletzen würde. Die Opferzeremonie war sozusagen das von den Gottheiten erlaubte Töten. Größere Tiere wurden ausschließlich während der Opferfeiern für bestimmte Gottheiten vor deren Tempeln geschlachtet. Das Blut (Träger des Lebens) sowie ungenießbare Teile gehörten den Gottheiten und wurden oft am Altar verbrannt (meist zusammen mit Räucherwerk, damit sich der Gestank in Grenzen hielt). Das Fleisch wurde zubereitet und im Rahmen eines Festmahls an die Gemeinde verteilt. Arme Menschen kamen so regelmäßig zu ihren Fleischportionen. Denn opfern heißt teilen, nicht nur mit den Gottheiten sondern auch mit den Mitmenschen.


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Weihehandlungen am Altar. Der geschlachtete Stier liegt am Boden, über ihm der Opferdiener. (Trajansäule, Abguss im Museo Della Civilta Romana, Rom)

Ausgehend von der antiken Version fand ich (durch Lektüre und TV-Dokus) quer über dem Erdball immer wieder ähnliche Vorstellungen bei Religionen, deren Kulte Tieropfer beinhalten. Herausragend ist für mich hier die Voodoo-Religion. Auch dort gilt das Blut als Lebenssaft, der den Loas oder Orishas gehört. Während im alten Griechenland die Blutfontäne aus dem Hals des geopferten Stieres gen Himmel spritzen sollte, um die olympischen Gottheiten zu erfreuen, wird das Blut des Schlachttieres im Voodoo oft direkt auf die Götterstatuen gegossen. Hierbei sei noch einmal an den Gedanken erinnert, der nicht nur im Rigveda maßgeblich ist: nämlich dass nicht nur die Menschen von den Gottheiten, sondern auch die Gottheiten von den Menschen abhängig sind. Erst das Opfer verleiht den Gottheiten Ihre Kraft!

 

Neben dem Festmahl, dem reglementierten Töten und dem Blut als Nahrung für die Gottheiten gibt es, je nach Glauben, noch weitere Gründe für das Tieropfer: So ist es oft üblich, dem Tier ein Gebet mitzugeben, das es dann als Vermittler den Unsterblichen überbringen soll. Auch der Wert des Opfers kann eine Rolle spielen. Reiche Römer spendeten tadellose, sündteure Stiere für die Zeremonien, um so ihr Ansehen beim Volk zu mehren. Die richtige Farbe des Tieres und das passende Tier oder sogar die richtige Tötungsart waren und sind in vielen Opferkulten auch ein wichtiges Thema. So ist es oft üblich, helle Tiere den himmlischen Mächten und dunkle Tiere den Unterirdischen darzubringen. Inwieweit Tieropfer als Ersatz für ehemalige Menschenopfer dienten, weiß ich nicht. Denn auch dort, wo Menschen für die Unsterblichen getötet wurden, waren für gewöhnlich gleichzeitig Tieropfer üblich. Es könnte aber sein, dass nach Aufgabe der Menschenopfer das Tieropfer zusätzlich als Ersatzopfer angesehen wurde.

 

Soweit zu anderen Kulturen und anderen Zeiten. Und hier und heute? Als Fleischgenießerin bin ich fast jeden Tag mit Leichenteilen meiner gefiederten oder behuften Mitwesen konfrontiert. Zugegeben, die Leichenteile schauen im Supermarkt oder auf dem Teller lecker aus, riechen lecker und schmecken meist sehr gut. Kein Grund sich zu ekeln, kein Grund, an das Tier zu denken, das etwas anders aussah, bevor es zum Steak oder zum knusprigen Hendlhaxn wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Fleisch essenden Freund/innen, denen Anblick, Geruch und Verzehr des Endprodukts Fleisch durchaus reicht, wollte ich schon längere Zeit mehr erfahren über das Tiere-Töten und –Verarbeiten. Luisa Francia schrieb in irgendeinem Buch, das ich vor Jahren einmal gelesen hatte, dass jede Frau, die gerne Fleisch isst, einmal einen Hahn schlachten sollte, um sich mit dem Tier, das gegessen würde, auseinanderzusetzen. Hermann Nitschs Orgien-Mysterien-Theater, eine Begegnung mit dem Voodoo-König vom Benin sowie auch mein neuheidnischer Glaube, der das „do ut des“-Prinzip beinhaltet, haben in mir den Wunsch, einmal selbst ein Tier zu schlachten, ja den Gottheiten zu opfern, immer mehr reifen lassen.

 

Dass dieser ungewöhnliche Wunsch nicht allzu leicht zu erfüllen ist, wenn man in einer kleinen Wohnung in der Stadt wohnt, ist klar. Vor kurzem aber bekam ich die Gelegenheit, mein lang gehegtes Ansinnen in die Tat umzusetzen. Ein befreundetes Paar, das einen kleinen Vierkant-Bauernhof mit glücklichen Schafen und Hühnern bewohnt, lud mich ein, an einem Sonntagsessen teilzunehmen, und zusammen mit zwei Bekannten, die denselben ungewöhnlichen Wunsch hatten, drei Hühner für das Festmahl zu schlachten und zuzubereiten. Ich nahm die Einladung dankend an.

 

Die Tage davor setzte ich mich mit dem Töten auseinander. Ich malte mir immer wieder aus, wie ich dem Huhn mit einem gezielten Streich den Kopf abschlug, sodass es möglichst nicht leiden müsste. Ich freundete mich mit dem Gedanken an, dass Hühner nach dem Schlachten oft noch zuckten und herumliefen. Ich befragte Sulis (eine Form der keltischen Minerva), meine Lieblingsgöttin, mittels Orakel, ob Ihr das Opfer genehm war. (Das Orakel war positiv.)

 

Am Sonntag war es dann soweit. Zeitlich in der Früh packte ich meine Ritualgegenstände ein und fuhr zusammen mit einer Freundin mit der Eisenbahn ins Waldviertel zu besagtem Bauernhof. Die drei Hühner waren seit letzter Nacht in einem großen Käfig eingesperrt. Eines davon, einen jungen braunen Hahn, kaufte ich meinen Gastgeber/innen ab. Die zwei Bekannten aus Wien und ich würden das Schlachten übernehmen. Der Gastgeber zeigte uns im Garten, außerhalb des Hauses, wie man das Huhn fachgerecht hält, und wie man am besten mit der Axt zuschlagen sollte. Der „Altar“ für meine Göttinnenstatue war schnell durch Aufstellen derselben neben dem Hackstock errichtet, und so konnte ich noch eine kurze Andacht samt Trankopferspende von Whisky abhalten (der dann auch uns Schlachtenden zugute kam, um die Aufregung zu dämpfen).


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Whisky als Trankopferspende – und zur Beruhigung der Nerven.


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Die Hühner.

Ich war als letzte dran, worüber ich sehr froh war, da ich nun schon ungefähr wusste, was auf mich und das Federvieh zukommen würde. Zusammen mit dem Gastgeber holte ich den jungen Hahn aus dem Käfig. Ich trug das Tier in meinen Armen, streichelte es, um es zu beruhigen (und mich selbst gleich dazu). Kurz präsentierte ich das Tier meiner Göttin, dann half mir der Gastgeber, den Hahn zu halten (was nicht so einfach war). Ich nahm die Axt, sprach den Namen meiner Göttin und schlug zu. War das Tier bis jetzt ruhig geblieben, flatterte es nach dem Schlag auf den Hals hysterisch auf. Ich hatte zwar die Wirbelsäule durchtrennt, aber der Kopf war noch nicht ganz ab. Schnell schlug ich noch einmal zu, und der Kopf fiel mit ein paar Blutstropfen ins Gras. (Tatsächlich bluteten die Hühner nur ganz schwach.)


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Das Opfer wurde dargebracht.

Dann nahm ich den stark zuckenden kopflosen Hahn in beide Hände und setzte mich mit ihm vor die Statue der Sulis ins Gras. Ich legte ihm die Hand auf, streichelte die warmen, weichen Federn und beruhigte ihn, bis er endgültig seinen Geist aushauchte. Irgendwie waren wir alle der Meinung, dass Hühner einen Teil der Seele offenbar auch im Rückenmark zu haben scheinen, weil sie nach dem Schlachten noch relativ lange weiter“leben“. Ich brachte den Hahn meiner Göttin mit einem Gebet dar.


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Ein Hühnerleben für meine Göttin.

Meine Gefühle waren eine krasse Mischung aus höchster Dankbarkeit, die mich fast zu Tränen rührte, Ehrfurcht, ein bisschen Mitgefühl mit dem toten Hahn und Erleichterung, dass das Tier nicht allzu viel gelitten hatte. So also fühlte es sich an, wenn man ein Tier schlachtet. Zu meinem Erstaunen hielten sich Gefühle wie Mitleid, Trauer, Ekel oder auch Blutrausch sehr in Grenzen. Ich hatte eher das Gefühl, etwas ganz Normales gemacht zu haben, wie unzählige Menschen vor mir auch schon. Töten um zu essen. Trotzdem war es etwas Besonderes. Auch der Gedanke, dass eine antike Göttin wahrscheinlich nach mehr als 1500 Jahren wieder ein lebendiges Tier als Opfergabe geschenkt bekam, war seltsam und zugleich erhebend. So komisch das klingen mag, aber ich hatte den Eindruck, als ob sich Sulis und auch meine anderen Gottheiten durch das Blut des Hahnes eine Art von außergewöhnlicher Kraft einverleibten. Das Opfer, das die Gottheiten nährt und stärkt und zugleich unser Heil gewährleistet – do ut des.


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Die Hühner müssen Federn lassen.

Nach dem Schlachten begaben wir uns mit unseren Hühnern wieder in den Innenhof des Vierkanters. Den Kopf meines Hahns, das Blut und einige der Innereien sammelte ich als Opfergabe in der mitgebrachten Schale für die Gottheiten. Unsere Gastgeber/innen hatten schon einen großen Topf voll kochenden Wassers gebracht, weiters eine Menge Zeitungspapier, Schneidbretter und Messer. Wir setzten uns um einen großen Weidling, über dem wir die Hühner rupften, nachdem wir diese für einige Sekunden in das kochende Wasser getaucht hatten. Durch diese Methode lassen sich die Federn ganz leicht und schnell ausrupfen.


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Nach dem Rupfen.

Danach wünschte ich mir erstens, dass ich ein Skalpell dabei gehabt hätte und zweitens, dass ich ein Seminar über Hühneranatomie besucht hätte. Die Messer, die wir hatten, waren leider nicht so scharf, wie sie für diesen Job hätten sein sollen, und so dauerte das Ausnehmen der Hühner etwas länger, da wir höllisch darauf achten mussten, nirgendwo hineinzustechen, wo man besser nicht hineinstechen sollte, denn das wäre ziemlich eklig gewesen.


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Blut, Kopf und Eingeweide gehören der Gottheit.

Ich saß also da mit meinem gerupften Hahn in größter Konzentration und studierte sein Innenleben (irgendwie hatte das was von CSI ...), während ich streng nach Anleitung unseres Gastgebers Hals, Kropf und Beine abschnitt und mich danach über die mehr oder weniger fachgerechte Entfernung der Eingeweide machte. Wir waren stolz auf uns, da wir das ohne größere Pannen zuwege brachten.


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Endlich fertig!

Als ich endlich fertig war (die anderen beiden waren früher fertig geworden), brachte ich den Hahn und die Kultgegenstände in die große Wohnküche, wo auch schon die anderen Gäste um den Tisch saßen. In den Öfen brieten schon vier Grillhühner (die zwei selbst geschlachteten und zwei gekaufte), und am Herd köchelte das Suppengrün. Ich opferte Blut,  Eingeweide und Hahnenkopf aus der Schale in das Ofenfeuer und warf noch Räucherwerk nach, so ähnlich, wie es auch an antiken Altären üblich gewesen war. Einige Weihrauchkörner streute ich auf die Ofenplatte, worauf die Küche von einem angenehm würzigen Duft erfüllt wurde. Dann wusch ich gründlich meinen Hahn und die Hühnerbeine und gab alles in den großen Suppentopf.


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Ab in den Suppentopf!

Das Festmahl begann mit den Grillhühnern, erst die gekauften, dann die selbst geschlachteten. Auch wenn letztere noch etwas zäh waren (laut unseren Gastgeber/innen musste man frische Hühner einen Tag im Eiskasten abliegen lassen), waren sie geschmacklich ein Erlebnis. Es waren die besten Grillhendln, die ich je gegessen hatte.


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Die Grillhendln werden portioniert.

Die Hühnersuppe wurde zum Schluss aufgetragen und übertraf die Grillhendln sogar noch. Wer noch nie eine Hühnersuppe von einem frischen Bio-Huhn gegessen hat, muss das unbedingt einmal probieren. Es ist einfach unbeschreiblich lecker! Meine Speise weihte ich dann auch der Sulis, denn nicht nur Blut und Weihrauch sind den Gottheiten lieb, sondern auch die Speisen selbst.


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Die beste Suppe der Welt. Nur das Bein war nicht jedermanns Sache.

Wie in China üblich, probierte ich dann auch eines der mitgekochten Hühnerbeine. Um ehrlich zu sein, verstehe ich nicht ganz, warum die Beine des Geflügels dort als Delikatesse gelten. Meine Begeisterung hielt sich jedenfalls in Grenzen. Der Geschmack der Suppe aber wurde durch die mitgekochten Hühnerbeine sicherlich noch verbessert.

 

Den Nachmittag verbrachten wir mit den Schafen auf der Weide und im Wald beim Schwammerlsuchen. Am Abend, wieder zu Hause, dankbar für diesen intensiven Tag, saß ich vor meinem Hausschrein und sinnierte über das Geschehene nach. Ich würde in Zukunft noch mehr Respekt vor den Tieren haben, die ich esse. Ob ich es schaffen werde, weniger Fleisch zu essen, weiß ich nicht. Ich versprach jedenfalls, mich zu bemühen. Leicht würde es nicht sein, denn Fleisch gehört zu meinen Lieblingsspeisen – der Verzicht fällt mir unendlich schwer. Ob ich noch einmal ein Tier schlachten würde – auf jeden Fall. Denn wenn ich es nicht übers Herz brächte, wäre für mich die einzige ehrliche Konsequenz, vegetarisch zu leben.