Cretima Celtica
 
 
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Pilgerfahrt nach Noricum

- oder: Wie macht man eine moderne Polytheistin glücklich? (F, G, P)


 

„Kärnten is a Wahnsinn!“ – so lautet der Werbeslogan unseres südlichsten Bundeslandes. Ich kann dem nur zustimmen. Im Guten wie im weniger Guten. Meine Pilgergeschichte soll zuerst das Gute behandeln. Das weniger Gute hebe ich mir für den Schluss auf.

 

Kärnten beherbergt eine außerordentlich hohe Anzahl römischer Hinterlassenschaften, war es doch in der Antike das Zentrum Noricums, des ersten historisch fassbaren „Staates“ auf österreichischem Boden. Noricum entstand um etwa 170 v. Chr. durch ein Bündnis der Norici unter König Cincibilus mit anderen Stämmen und umfasste in etwa die Gebiete des heutigen Kärnten, der Steiermark, Salzburgs, Burgenlands, Ober- und Niederösterreichs (die Donau war wahrscheinlich die nördliche Grenze), sowie Teile von Bayern und Slowenien. Die Hauptstadt Noricums und die Reichsgöttin hießen gleichermaßen Noreia (der Name bedeutet wahrscheinlich „die Noble“).

 

Kärnten war auch schon vor der Gründung Noricums unter keltischem Kultureinfluss und davor, bis etwa 450 v. Chr., Teil des Osthallstattkreises. Um 15 v. Chr. wurde das Königreich Noricum von Kaiser Augustus annektiert und um 50 n. Chr. unter Kaiser Claudius endgültig dem römischen Reich als Provinz einverleibt. Größere Kriege gegen Rom fanden allerdings nicht statt – waren doch die Römer für Noricum die wichtigsten Bündnis- und Handelspartner.

 

Diese reiche antike Kultur hinterlässt natürlich ihre Spuren. Spuren, die von der Archäologie in mühsamer Kleinstarbeit ausgegraben werden und von engagierten Menschen für Tourist/innen teilweise rekonstruiert werden, so dass man sich auch als Laiin vorstellen kann, wie Kleidung, Gräber, Tempel oder Wohnhäuser vielleicht damals ausgesehen haben.

 

Ich bin so eine Touristin, die grundsätzlich keinen Urlaub verbringt, ohne Heiligtümer, Museen, Ausgrabungen und archäologische Parks zu besuchen. (Die größte Urlaubsstrafe für mich wäre, sperrte man mich in einen Magic-Life-Club ein.) Mein Wunsch, den Gottheiten an Ihren originalen, antiken Orten der Verehrung zu begegnen ist so innig, dass meine Urlaube manchmal Pilgerreisen gleichen. Die Pilgerziele sind dann Götterstatuen in Museen, Lapidarien (Lapidarium = Sammlung von Steindenkmälern), Überreste antiker Tempel, einstige Kultorte und im besten Fall rekonstruierte Heiligtümer. Kärnten ist daher aus diesem Grund für mich ein beliebtes Urlaubsziel geworden. Die geneigte Leserin / der geneigte Leser möge mir nun in Gedanken auf meiner kleinen Pilgerfahrt zu den antiken Stätten Kärntens folgen:

 

Beginnen wir unsere Reise in Klagenfurt, der Hauptstadt von Kärnten. Im Kärntner Landesmuseum findet man eine nette Sammlung eisenzeitlicher (Hallstatt- und La Tène-Kultur) und norisch-römischer Fundstücke. Letztere stammen zumeist vom Zollfeld, einer weiten Ebene im Norden Klagenfurts, auf der sich das römerzeitliche Virunum, die große Hauptstadt der Provinz Noricum, befand. Für die Neuheidin interessant ist vor allem ein Raum mit einem großen Bodenmosaik, um das herum sich Statuen römerzeitlicher Gottheiten gruppieren. In der Mitte der illustren Runde steht stolz die Landesgöttin Noreia. Die Statue ist leider ziemlich ruiniert, vor allem das Gesicht wurde offenbar (wahrscheinlich von fanatischen Christen der Spätantike) mutwillig zerstört. Trotzdem ist noch gut erkennbar, dass Sie, obwohl im Stile der Göttin Fortuna (eine römische Interpretation der Isis – jene Göttin, mit der Noreia auf mehreren Weihesteinen genannt wird) dargestellt, mit einer norischen Frauentracht bekleidet ist – erkennbar an dem mit Fransen besetzten Umhang, dem mit langen Riemen verschlossenen Gürtel und der monströsen Kettenfibel. Die Statue wurde im Bäderbezirk von Virunum gefunden, leider ohne Namen. Dass es sich um Noreia handelt, ist somit eine Mutmaßung, wenn auch eine sehr plausible. Fortuna hält oft ein Füllhorn in der linken Hand und in der Rechten ein Ruderblatt. Die Noreia-Statue lässt nur ersteres erkennen, da die rechte Hand abgebrochen ist. Auch über den nun fehlenden Kopfschmuck lässt sich nur spekulieren. Fortuna-Statuen tragen entweder ein Diadem oder den ägyptischen Kopfputz der Isis.


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Isis-Noreia aus dem Bäderbezirk von Virunum, Landesmuseum Kärnten. Original mit zwei möglichen Rekonstruktionen (einmal mit Isiskrone). Links ein Weihealtar mit Goldscheibe für die Göttin. Rechts das Grabbildnis einer reichen Norikerin. Die Rekonstruktionen erfolgten im Zuge der Ausstellung „Götterwelten“ im Jahre 2007



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Norische Kettenfibel (Magdalensberg).

Da es etwas auffällt, wenn man im Museum anfängt, Trankopfer zu spenden oder Räucherstäbchen anzuzünden, begab ich mich damals, im Sommer des Jahres 2003, in den Museumspark, wo sich ein Lapidarium befand. Ich sage absichtlich „befand“, denn das Lapidarium wurde vor einigen Jahren abgerissen, um einem Verwaltungsgebäude der Kärntner Landesregierung Platz zu machen. Ewig schade darum, denn es war ein wunderbarer ruhiger Platz mit lauter antiken Kleinodien, die nun vorerst im Keller des Museums vor sich hin vegetieren. Angeblich soll am Ausgrabungsgelände des Magdalensberges (zu dem wir noch kommen) ein neuer Platz für die Römersteine gefunden werden. Sei’s drum. Damals lustwandelte ich durch die Galerien der Weihealtäre, Inschriftensteine und Reliefs.


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Historische Aufnahme anno 2003: Lapidarium im Park des Kärntner Landesmuseums.

Ich entdeckte Altäre für römische Gottheiten, aber auch für keltische, als da wären: Epona, Genius Cucullatus, Britania – und natürlich für (Isis)-Noreia, auf deren Altar ich mir erlaubte, ein Räucherstäbchen zu entzünden. (Wow – war DAS ein geiles Gefühl! Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich die Möglichkeit, an einem echten antiken Altar eine Opfergabe darzubringen!) Ich kam mir fast vor wie die Frau auf einem der Reliefs, die ihre Andacht zelebrierte.  



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Frau während einer Andacht am Altar (ehem. Lapidarium d. Kärntner Landesmuseums).

Die berühmteste Ausgrabung in Kärnten befindet sich am Südhang des 1059 m hohen Magdalensberges, der sich am nordöstlichen Rand des Zollfeldes erhebt. Da während der Sommerferien kein Bus auf den Berg fährt und ich kein Auto besitze, beschloss ich (da ich damals alleine in Klagenfurt weilte), mit dem Bus nach St. Donat, am Fuße des Magdalensberges zu fahren und von dort auf den Berg zu steigen. Ich dachte mir, wenn die Vierbergeläufer/innen vier Berge in 24 Stunden schaffen, müsste ich doch locker an einem Vormittag einen Berg erklimmen können.

 

(Der Vierbergelauf ist eine über 50 km führende, Kräfte zehrende Wallfahrt am Dreinagelfreitag (das ist der zweite Freitag nach Ostern), bei dem nacheinander vier Berge (Magdalensberg, Ulrichsberg, Veitsberg und Lorenziberg) bestiegen werden. Kultischer Hintergrund ist die Suche und Auffindung der Kreuzesnägel, und da die hl. Helena als Finderin des Kreuzes samt Nägel gilt, ist auch Anfangs- und Endpunkt der Wallfahrt die Helenenkirche am Magdalensberg. Ein heidnischer (sogar keltischer) Ursprung dieser Wallfahrt ist mangels Beweisen jedoch nicht haltbar. Vielmehr dürfte eine ähnliche Wallfahrt in Rom das Vorbild gewesen sein.)

 

Laut meiner Wanderkarte, so dachte ich, würde ich für den Aufstieg etwa zwei Stunden brauchen. Ich hatte einen Liter Wasser mit, denn der Pfad, der mehr schlecht als recht markiert war und offenbar kaum begangen wurde, führte an keinerlei Gewässer, Dorf oder Gasthaus vorbei. Aus zwei Stunden wurden dann vier, denn ich hatte mich heillos verlaufen. (Wie gesagt, die Markierungen waren nicht die besten, und als Stadtfrau bin ich Straßenschilder gewohnt, die es im Wald dummerweise nicht gibt.) Es hatte sicherlich über 30 Grad Celsius, die Sonne brannte erbarmungslos herunter, es war schwül, und irgendwo mitten am Berg ging mir das Wasser aus. Da ich keine Ahnung hatte, welche Richtung ich einschlagen sollte, betete ich inbrünstigst zu Noreia, dass Sie mir helfen möge. Ich glaube, mir war eine Göttin noch nie so nah, wie damals. Tatsächlich fürchtete ich, dass ich den Aufstieg nicht mehr schaffte, und man mich bewusstlos oder verdurstet irgendwo finden würde.



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Mein Wallfahrtsweg auf den heiligen Berg.

Ich weiß nicht mehr genau wie, aber irgendwann kam ich zur Straße, die zum archäologischen Park führt, und mit letzten Kräften schleppte ich mich zum Ausgrabungsgelände. Noreia sei Dank gab es dort ein Gasthaus (die Taberna Celtica), und ich konnte mich laben und meinen Kreislauf wieder instand setzen. Natürlich hatte ich die Bergbesteigung unter religiösen Voraussetzungen geplant (wenn auch gezwungenermaßen – ich wäre lieber mit dem Bus hinaufgefahren, hätte es einen gegeben), denn am Gipfel befand sich ehemals ein keltisches Heiligtum, sozusagen die „Akropolis“ der keltisch-römischen Bergstadt. Aber durch die unfreiwillige und mühsame Wegverlängerung wurde meine Mini-Wallfahrt zu einem spirituellen Gewaltmarsch. (Ich beschloss damals, den Weg irgendwann einmal zu wiederholen, dann aber ohne Verirrungen. Dieses Gelübde steht noch aus.)



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Römisches Gelübde für die keltische Göttin Noreia.

Nachdem ich mich gestärkt hatte, besichtigte ich die Ausgrabungen. Die Stadt am Magdalensberg war wahrscheinlich das erste Virunum, das um ca. 50 n. Chr. verlassen wurde, da man beschloss, die Stadt in der Ebene am Zollfeld neu zu errichten. Das Magdalensberg-Virunum war zwar vom Stil her auch schon sehr römisch, gehörte aber zumindest bis 15 v. Chr. politisch zum keltischen Noricum.



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Das Tor zur antiken Welt.

Durch antike Ruinen zu schlendern bereitet mir immer große Freude. Der archäologische Park hat viel zu bieten. Um das Forum, auf dem der größte Tempel stand (wahrscheinlich dem Kaiser Augustus gewidmet), gruppieren sich terrassenförmig die verschiedenen Stadtviertel.


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Blick auf den archäologischen Park. Im Hintergrund die renovierten Repräsentationsbauten, davor die Grundmauern des Augustus-Tempels mit den Säulenbasen.

Innerhalb der Mauern findet man verschiedenste Fundstücke: Eiserne Werkzeuge, die dank der hohen Qualität des berühmten ferrum Noricum auch nach 2000 Jahren noch äußerst gut erhalten sind, antike Holzfässer, römischen Kleinkram (Geschirr aus Glas und Ton, Öllämpchen, Scherben, Haushaltsgerätschaften), eine Schmelzanlage für Goldbarren und Steinbildnisse keltischer Frauen mit dem typisch norischen Käppchen.



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Ein alter Römer und zwei norische Damen.

Wie in jeder anständigen Römersiedlung gibt es auch im alten Virunum Reste von Fußbodenheizungen, Wandmalereien, Mosaiken, antiken Küchen, einer Therme und Handelsniederlassungen. Scherben von Gefäßen zeigen Inschriften, die auf den einstigen Inhalt derselben hindeuten: Garum – das „Gewürz für alles“ der alten Römer und dortigen Kelten. Was das ist? Eine Sauce aus vergorenem, eingesalzenem Fisch, ähnlich der fernöstlichen Fischsauce und wahrscheinlich mit demselben strengen Aroma. (Erinnerungen an Verleihnix, den Fischhändler aus den Asterix-Heften kommen auf: „Meine Fische stinken nicht!“)

 

Am nordwestlichen Ende des Parks befinden sich die wieder errichteten Repräsentationsräume, in denen man den wohl berühmtesten Fund bestaunen kann: den „Jüngling vom Magdalensberg“, dessen Geschichte wahrlich ein Abenteuer ist: Die Originalbronze stammt mit ziemlicher Sicherheit aus dem 1. Jhdt. v. Chr., also noch aus der Zeit des freien norischen Königreiches. 1502 wurde das antike Stück gefunden und gelangte zu einem Gurker Bischof, der sie 1519 nach Salzburg mitnahm, als er zum dortigen Erzbischof ernannt wurde. Es wurde eine bronzene Kopie angefertigt, und das Original gelangte 1551 in den Besitz von König Ferdinand I. Später wurde das Original nach Spanien verbracht, wo es seit 1850 als verschollen gilt. Die Kopie verblieb in Salzburg und gelangte 1806 nach Wien, wo sie später im kunsthistorischen Museum ausgestellt wurde. Erst später wurde festgestellt, dass es sich bei der Bronze nicht um das Original handeln konnte. Am Magdalensberg selbst befindet sich eine Kopie der Wiener Kopie der Statue. Wen der „Jüngling vom Magdalensberg“ darstellt, ist ungewiss. Es könnte sich um einen betenden Mann handeln oder um einen Gott. Trifft letzteres zu, läge Apollon oder Mars nahe, oder deren keltische Entsprechungen, wie Belenos („der Leuchtende“, der lt. Tertullian der Lieblingsgott von Noricum war) oder Latobios („stürmender Krieger“, der Stammesgott der Latobici (die Latobici waren einer der Stämme von Noricum, deren Siedlungsgebiet ungefähr in der heutigen Steiermark lag)).



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Der „Jüngling vom Magdalensberg“.

Bleiben wir gleich bei den Kuriosa: Wie anfangs erwähnt, hieß die keltische Hauptstadt Noricums nicht Virunum sondern Noreia. (Virunum wurde erst unter römischer Herrschaft zur Hauptstadt.) Wo Noreia einst lag, ist bis heute umstritten. Eine damalige Annahme, dass Noreia im steiermärkischen St. Margarethen / Silberberg zu suchen sei, führte 1930 sogar zur Umbenennung dieses Ortes in Noreia! Dumm nur, dass diese These nach wissenschaftlichen Erkenntnissen heute nicht mehr haltbar ist. Die dortigen für keltisch gehaltenen Funde stammen samt und sonders aus dem späten Mittelalter. Der neue Ortsname blieb aber trotzdem. Derzeit gelten neben dem Magdalensberger Virunum auch noch der Ottilienkogel / Glantschach, der Maria Saaler Berg und der Hügelzug Gracarca beim Klopeiner See als historisch und archäologisch relevante Anwärterinnen für die norische Hauptstadt. Solange man jedoch keine keltische Ortstafel innerhalb der in Frage kommenden eisenzeitlichen Siedlungen findet, wird man weiterhin mit den verschiedenen Hypothesen leben müssen.

 

Zurück zum Magdalensberg: Aus religiöser Sicht am interessantesten ist der Gipfel des Magdalensberges, auch wenn man dort nur eine gotische Kirche vorfindet, die die keltischen und römischen Mauerreste weitgehend unter sich begräbt. 2003 war mir die „Erstürmung“ des Gipfels verwehrt, da mich ein herannahendes Gewitter zum Abstieg mahnte. Erst im Frühling 2008 konnte ich den Berggipfel besuchen, als meine Klagenfurter Freundin Sandra, ihre beiden Kinder, weitere Bekannte und ich am Magdalensberg ein Picknick veranstalteten.



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Unser kleiner Baumaltar im Zuge eines Picknicks am Gipfel des heiligen Berges.

Da Sandras kleines Auto beim archäologischen Park, der sich etwa einen Kilometer unterhalb des Gipfels befindet, aufgab, gingen wir das letzte steile Stück zu Fuß. Der Gipfel ist unbewaldet, und so kann man sehr gut die noch unter der Erde verborgenen Terrassen erkennen, denn das ehemalige Virunum bestand nicht nur aus dem sichtbaren Teil im archäologischen Park sondern umschloss rundum den gesamten Gipfelbereich.


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Der Gipfel des Magdalensberges. Oben die Kirche, darunter sind die grasbewachsenen Terrassen erkennbar.

Am Gipfelplateau wurden neben der Kirche kürzlich Pfostenlöcher und künstlich aufgeschichtete Felsbrocken entdeckt, die auf ein La Tène-zeitliches Heiligtum hindeuten könnten. Dieses wurde mit der Romanisierung gründlich aufgegeben (es gab keinerlei eisenzeitliche Fundstücke) und daneben ein römischer Podiumstempel errichtet, dessen Umwallungen teilweise sichtbar sind. Welche Gottheit dort verehrt wurde, ist ungewiss. Noreia wäre jedenfalls eine Idealkandidatin. Aber das muss derzeit Spekulation bleiben. Jedenfalls wurde auch der römische Tempel dieser keltisch-römischen Akropolis irgendwann abgetragen und direkt über den Resten, spätestens im 13. Jhdt., eine Kirche für die heilige Helena und die heilige Maria Magdalena errichtet. Im 15. Jhdt. wurde die Kirche erweitert und prägt seitdem das heutige Erscheinungsbild. Ob keltisches Nemeton, römischer Tempel oder christliche Kirche – der Berggipfel des ehemaligen Virunum ist in jedem Fall ein sehr kraftvoller, heiliger Ort, der – nebenbei bemerkt – nicht nur eine grandiose Aussicht auf das Zollfeld zu bieten hat sondern auch ein gutes Restaurant.



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Das alte Taufbecken der Kirche mutet sehr antik an – vielleicht sogar keltisch?

Wieder unten am Zollfeld wird man sich nun fragen, wo die ehemals riesige Stadt Virunum abgeblieben ist. Tatsächlich befinden sich die Überreste unter den Feldern und Straßen verborgen. Ausgrabungen fanden und finden oft nur stichpunktartig statt. Einige der bisherigen Funde kann man im Kärntner Landesmuseum und am Magdalensberg bewundern. Andere wiederum, vor allem Altäre, Grabreliefs und Inschriften findet man nicht selten eingemauert oder zweckentfremdet in den Kärntner Kirchen, Kapellen und anderen Bauwerken. (Die Praxis, Steine heidnischer Bauten als Material für Kirchen zu verwenden, findet man weltweit in allen von der katholischen Kirche missionierten Gebieten.) Wer mit offenen Augen durch Kärnten reist, wird auf Schritt und Tritt Römersteinen begegnen. Das Zollfeld selbst bietet wohl die berühmtesten Beispiele für mittelalterliches Römersteinrecycling.

 

Beginnen wir in Maria Saal mit der gleichnamigen großen romanisch-gotischen Wehrkirche. Eine gesamte Längsseite ist voller Reliefs und Inschriften.


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Die Wehrkirche von Maria Saal mit mittelalterlichen Grabsteinen und römischen Reliefs



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Eine Frau und ein Mann beim Opfer für eine/n Verstorbenen

Am Eingang wird man dann ganz intensiv mit dem heidnischen Rom konfrontiert: die Wölfin, die Remus und Romulus säugt, bewacht das Tor.



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Die römische Wölfin bewacht den Kircheneingang

Im Innenraum der Kirche geht es dann weiter: ein Stein mit der Göttin Venus wurde zum Opferstock umgebaut, ein Weihealtar für Fortuna muss als Sockel für einen katholischen Heiligen herhalten, und ein römischer Sarkophag wurde zum Seitenaltar umfunktioniert.



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Venus als Opferstock



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Fortunas Altar als Heiligensockel



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Ein antiker Sarkophag als Altar



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Das Prunnerkreuz scheint durchwegs nur aus Römersteinen zusammengesetzt zu sein

Das kurioseste Recycling von antikem Steingut ist mit Sicherheit der Herzogstuhl, der sich ebenfalls in der Nähe von Maria Saal befindet. Der Thronsessel, der nur aus antiken Steinen zusammengesetzt ist, besteht aus einer Lehne, die westwärts und ostwärts je eine Sitzfläche hat. Der Herzogstuhl wurde im Mittelalter bis 1651 (als Kärnten ein eigenständiges Herzogtum war) als Thron für die kärntnerischen Herzöge (die an der Ostseite saßen) und die Pfalzgrafen von Görz (die ihren Sitz an der Westseite hatten) verwendet. Auf diesem Steinthron wurde der Herzog vereidigt, von da aus vergab er Lehen und empfing Huldigungen. Neben dem Herzogstuhl gab es bei Karndorf auch noch den sogenannten Fürstenstein – bestehend aus einem umgedrehten antiken Säulensockel - der beim Einsetzungsritual der Herzöge auch eine Rolle spielte, allerdings (im Gegensatz zum Herzogstuhl) schon in slawischer Zeit (von ca. 600 bis 900) für die Einsetzung der Fürsten von Karantanien verwendet wurde. Sowohl dieser Stein als auch der Herzogstuhl erinnern stark an die mittelalterliche inselkeltische Tradition der Königsweihe, bei der der angehende König ebenfalls auf einem Stein stehen musste (z.B. auf dem schottischen Stone of Scone).



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Der Herzogstuhl

Ebenfalls im Osten des Zollfelds kommt man auf verschlungenen Pfaden zur einzigen großen Ausgrabung des römischen Virunum – dem Amphitheater, das an einer Hangterrasse liegt. Das Amphitheater kann man nur nach Voranmeldung mit Spezialführung besichtigen – das ganze Gelände ist rundum mit hohen Zäunen abgesperrt. Religiös interessant ist das nun rekonstruierte Nemeseum, das sich am Theatergelände befindet. Ein kleiner Tempel für die Rache- und Gladiatorengöttin Nemesis.


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Amphitheater von Virunum. Nur der entfernte Blick von oben ist derzeit für Tourist/innen erlaubt

Kommen wir nun zu einem weiteren geschichtsträchtigen Berg am südwestlichen Ende des Zollfeldes, dem 1022 m hohen Ulrichsberg. Der Ulrichsberg ist vor allem wegen der von der Ulrichsberggemeinschaft seit 1958 veranstalteten Ulrichsbergtreffen bekannt. Diese für die Opfer und Heimkehrer beider Weltkriege und des Kärntner Widerstandes initiierte Gedenkfeier ist wegen der öfter beobachteten Teilnahme von Veteranen der Waffen-SS und Vertreter/innen rechtsextremer Gruppierungen sehr umstritten. Erst heuer, im Jahre 2009, distanzierten sich das Bundesheer und ein Großteil der Kärntner Politiker/innen von diesem Treffen. Aber wo Rechte und Rechtsextreme sich versammeln, lässt auch die Gegenseite nicht lange auf sich warten: Die Gedenktafeln, die in der mittelalterlichen Kirchenruine, die sich am Gipfel befindet, angebracht sind, wurden 1997 von Linksextremen beschmiert und zerstört, und seit einigen Jahren kommt es auch zu Gegenkundgebungen aus der linken Szene, die manchmal in Handgreiflichkeiten ausarten. Man mag zu dieser Veranstaltung stehen, wie man will. Dass aber auch rechtsextreme Gruppierungen immer wieder daran teilnehmen und m.W. kaum weggewiesen werden, dazu das unreflektierte Geschichtsbild, das damit verbunden ist, sollte jedenfalls zu denken geben und bedeutet für mich ideologisch ein absolutes „No-Go“. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass Demonstrationen friedlich sein sollten und ohne Sachbeschädigungen vonstatten gehen können. Wie auch immer, der Grund für meinen Wunsch, diesen Berg zu besteigen, lag mitnichten in dieser zurück gerichteten Gedenkfeier, sondern in der Zeit zweitausend Jahre zuvor.

 

Im März des Jahres 2007 beschlossen Sandra und ich den Ulrichsberg zu besuchen. Wir hofften, dass man bis zum Gipfel fahren könnte, worin wir aber enttäuscht wurden. Bei einem idyllischen Bauernhof am Fuße des Berges war Endstation. Von da an galt es, einen mehrere km langen Weg zum Gipfel zu besteigen. Den Kindern von Sandra versprachen wir alles Mögliche (z.B. dass man am Gipfel Einhörnern, Drachen, Feen, Rittern oder Elfen begegnen würde und eine schöne Aussicht genießen könnte), um sie zum freiwilligen Aufstieg auf den Berg zu bewegen. Die von unten sichtbare Kirchenruine überzeugte die Kleinen, und so marschierten wir durch einen faszinierenden und leicht bedrohlich wirkenden Wald dem Gipfel entgegen.

 

Ich selbst erwartete natürlich keine Einhörner und Feen sondern die Grundmauern des Doppeltempels für Noreia und Casuotanos (ein wahrscheinlich keltischer Gott, dessen Etymologie aber ungeklärt ist). Oben angekommen (die Kinder verziehen uns die Abwesenheit von Elfen, Drachen und Rittern, denn die Aussicht entschädigte (nicht nur sie) für die große Mühe) fanden wir auch eine Tafel an der gotischen Kirchenruine, die stichwortartig die Geschichte des Ulrichsberges zum Inhalt hat und ebenfalls auf den Doppeltempel hinweist. Nachdem wir den Versammlungsort der Ulrichsberggemeinschaft mit dem riesigen, gruselig anmutenden Stahlkreuz und die Gedenktafeln im Kircheninnern begutachtet hatten, entdeckte ich die römische Inschriftentafel für die Göttin Isis-Noreia, die verkehrt herum über dem Türsturz im Kirchenportal eingemauert ist.


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Die Kirchenruine am Ulrichsberg mit im Portal verkehrt herum eingemauerter Weiheinschrift für Noreia

Der Weihestein für Casuotanos wurde auf einem anderen Gebäuderest gefunden und ist nun irgendwo in Privatbesitz. Beide Inschriftensteine waren Indizien für den Doppeltempel, dessen Grundmauern wir dann im Wald, abseits der Kirche, fanden. Ich war hin und weg, denn nicht oft hat man das Glück, ungestört bei antiken Tempelruinen verweilen zu können. Ich machte eine kleine Andacht, und wir opferten den Gottheiten Wasser und einen alten Kranz, den wir zusammen mit anderen verwelkten Kränzen vergangener Ulrichsbergtreffen in der Nähe fanden. Auf die Tempelgrundmauer schrieb ich mit Kreide ein antirassistisches Statement im Namen der Göttin Noreia. Trotz unserer leicht anarchistischen und bescheidenen Opfergaben erfüllte mich eine tiefe Ehrfurcht. Ich meine, „Wow!“, ich befand mich in einem echten Tempel für die Göttin Noreia!



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Andacht an den Grundmauern des vermeintlichen Tempels mit geklautem Ulrichsberg-Kranz

Am nächsten Tag besuchten wir im Landesmuseum die Ausstellung „Götterwelten“, die die norischen keltischen und römischen Heiligtümer und die Götterverehrung veranschaulichte, und von der ich auch einen Katalog kaufte, und ich wunderte mich, dass weder die Ausstellung noch der Katalog etwas vom Ulrichsberg zu vermelden wussten. Auch die Website „ubi-erat-lupa“, die alle Steindenkmäler der Römerzeit zu katalogisieren sucht, führt zwar die Inschrift in der Kirche an, nicht aber den Tempel. Zurück in Wien wollte ich der Sache auf den Grund gehen und schrieb an das Landesmuseum eine e-mail. Ich wollte wissen, was es nun archäologisch mit diesen Grundmauern am Ulrichsberg für eine Bewandtnis hat.  Einer der Direktoren des Museums schrieb mir zurück und erklärte mir, dass man seit Kurzem zu der Erkenntnis kam, dass (aufgrund fehlender Funde) die Grundmauern mitnichten aus der norischen oder La Tène-zeitlichen Blütezeit stammen können. Die Mauerreste gehören vielmehr zu einer spätantiken christlichen Siedlung, etwa aus dem 5./6. Jhdt. Diese Siedlung wurde wenig später, wahrscheinlich bedingt durch die Slaweneinfälle, verlassen. Der vermeintliche Tempel hat sich dabei als Zisternenhaus entpuppt. Und die in der mittelalterlichen Kirchenruine eingemauerte Inschrift (ebenso wie die Casuotanos-Inschrift) dürfte wahrscheinlich als Baumaterial vom Zollfeld heraufbefördert worden sein. Ich musste nach dieser Nachricht trotz leichter Enttäuschung ziemlich schmunzeln und rief Sandra an, um ihr mitzuteilen, dass wir am Ulrichsberg inbrünstig einer Zisterne geopfert hatten ...

 

Heuer, im August 2009, reiste ich wieder nach Klagenfurt zu meiner Freundin. Wir gönnten uns einige Tage Urlaub und verbrachten diese mit der Besichtigung weiterer antiker Sehenswürdigkeiten, wobei ich, wohlwissend, dass wir immer wieder den keltischen und römischen Gottheiten begegnen würden, vorsorglich alkoholische Trankopfer in meinen Rucksack packte.

 

Unser erstes Ziel war die Keltenwelt in Frög / Rosegg, einem kleinen Ort an der Karawankenautobahn, südwestlich von Velden am Wörthersee. Dort wurde ein riesiges osthallstattzeitliches Gräberfeld (ca. 600 Gräber) entdeckt, das seit dem 19. Jhdt. erforscht wird. Vor einigen Jahren wurde der Fundort für den Tourismus aufbereitet und ein recht anschaulicher archäologischer Park mit Rekonstruktionsbauten und Ausstellungsräumen errichtet. Nachdem man den Eingang passiert hat, beginnt der Rundgang durch den Park mit einer kreativ nachgebauten Einäscherungsstätte. Immerhin besteht ein Großteil der Hügel aus Brandgräbern.



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Probeliegen am Scheiterhaufen

Gleich daneben befindet sich der sehr mystisch gestaltete Eingang (bei dem man den Eindruck hat, dass hier shintoistische Tori aus Japan als Vorbild gedient haben) zum Gräberfeld, das heute (im Gegensatz zur Hallstattzeit) großteils von Wald bewachsen ist.



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Das Tor zum Gräberfeld. Am Querbalken ein Symbol, das als Bleianhänger in Frög gefunden wurde, links und rechts bewachen Hunde den heiligen Bezirk

Im Wald ist man dann umgeben von kleineren und größeren Grabhügeln. Der romantische, gewundene Pfad führt zu einem rekonstruierten Hügelgrab. In der reich ausgestatteten Grabkammer fand man in zwei Kästchen den Leichenbrand zweier Frauen, die aufgrund der Grabausstattung vielleicht dem Adelsstand angehörten. Die Grabbeigaben der Eisenzeit lassen darauf schließen, dass man vielleicht annahm, dass die Verstorbenen in der „Anderswelt“ Feste feiern und ihr Leben in ähnlicher Weise weiterführen würden. Auf der Kuppe des Hügels steht eine rekonstruierte weibliche Figur. Solche Figuren waren bei reichen Gräbern üblich und stellten vielleicht Gottheiten oder die begrabenen „Fürst/innen“ dar.  



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Der rekonstruierte Grabhügel mit der Holzstatue von außen



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Der Grabhügel von innen in Rekonstruktion. Der Leichenbrand befindet sich in den zwei Kästchen links im Bild. Davor Spinnwirteln und ein Teil des hölzernen Webstuhles. Rechts ein zerlegter Prunkwagen, an der Wand lehnen die abmontierten Räder. Das Grab ist voll von Geschirr und Trinkgefäßen

Nachdem wir am Fuß des Grabes den eisenzeitlichen Ahn/innen eine Libation (Trankopfer) und ein Räucherstäbchen dargebracht hatten, gingen wir weiter zum Höhepunkt der Keltenwelt: dem heiligen Hain der Noreia. Mit viel Fantasie und von einem Situlenbild inspiriert wurde hier versucht, ein eisenzeitliches Heiligtum nachzuempfinden. (Eine Situla ist ein Bronzekübel, der oft mit getriebenen Bildern verziert ist, die deshalb als „Situlenkunst“ bezeichnet werden – eine Spezialität des Osthallstattkreises.) Natürlich ist ungewiss, ob die Göttin Noreia um 500 v. Chr. an diesem Ort verehrt wurde, aber im Prinzip spricht auch nichts dagegen. In der Mitte des kleinen Nemeton erhebt sich stolz eine moderne, archaisch wirkende Holzstatue, die die Göttin Noreia symbolisiert. Umgeben ist die Göttin von einer eigenwilligen Holzumzäunung, und an den Eckpunkten der vier Richtungen befinden sich vier hölzerne Adlerstatuen, vor denen Rinderschädel niedergelegt wurden.


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Der „heilige Hain der Noreia“ – die Kraft der Göttin sei mit Dir!

Ich war total angetan von der Liebe, mit der dieser Kultplatz offenbar gestaltet war. Natürlich war er nur als Schaustück gedacht, aber das war uns natürlich egal. Wir opferten der mächtigen Göttin Räucherstäbchen und einen guten Riesling. Ich umrundete das Heiligtum im Uhrzeigersinn und versank in tiefer Andacht. Erst als ein paar andere Tourist/innen kamen, für die ich wohl einen seltsamen Anblick geboten haben dürfte, als ich vor der Göttin im Staube lag, beendete ich meine Gebete.



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Wein als Trankopferspende für Noreia

Gestärkt von der spirituellen Energie vollendeten wir den Rundgang im Gelände und begaben uns in die Ausstellungsräume, wo Repliken diverser hallstattzeitlicher Funde aus der Gegend zu besichtigen sind.



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Mini-Prunkwagen mit Pferdchen aus Blei als Grabbeigabe – das wohl berühmteste Fundstück aus Frög

Nachdem wir noch den Museumsshop unsicher gemacht und keltische Münzen geprägt hatten, labten wir uns bei einem leckeren Mittagsmahl in der „Noreia Stub’n“, der Gaststätte beim Museum.

 

Am nächsten Tag ging es dann ins südwestliche Kärnten, genauer ins Gailtal nach Dellach, wo sich in der kleinen Ortschaft Gurina, die sich auf einer weitläufigen Bergterrasse befindet, das Ziel meiner neuheidnischen Sehnsüchte befindet. Die Besiedlung der Gurina ist seit dem 9. Jhdt. v. Chr., also der älteren Hallstattzeit, erwiesen. Neben einem Gräberfeld wurde auf der Bergkuppe auch ein riesiges Opferdepot (bestehend hauptsächlich aus Tonscherben, vielleicht von frühen Trankopfern) gefunden. In der La Tène-Zeit, die kaum Spuren hinterließ, wurde der offensichtliche Kultplatz dann weiter genützt, was einige in venetischer Schrift verfasste Votivplättchen beweisen. Die Römer haben den hallstattzeitlichen Platz dann planiert und einen gallo-römischen Umgangstempel darüber gebaut (und am Berghang unter der Kuppe auch gleich ein Dorf dazu). In der Tempelumgebung wurde sowohl eine kleine Bronze des Hercules wie auch der Venus gefunden. Der Umgangstempel wird also vielleicht einer dieser Gottheiten gewidmet gewesen sein. Faszinierend ist, wie ich finde, die Kultkontinuität, die offenbar von der Hallstattzeit bis in die Römerzeit anhielt. Der Kultplatz auf der Bergkuppe wurde wahrscheinlich durchgehend genutzt.  

 

Umgangstempel lassen sich in fast allen römischen Provinzen des keltischen und germanischen Kulturraumes finden. Der Ursprung dieser Tempel liegt im Dunkeln. Die Form des Umgangstempels könnte sich aus keltischen Heiligtümern herleiten lassen, was aber nicht ganz sicher ist, oder aber eine spezielle Tempelform innerhalb römischer Legionslager gewesen sein. Wie auch immer, die Umgangstempel sind eine Erfindung der Provinzen – im Gegensatz zum typisch römischen Podiumstempel. Sowohl Umgangstempel als auch Podiumstempel wurden für römische und indigene Gottheiten gleichermaßen gebaut. So befand sich am Frauenberg bei Leibnitz (Steiermark) ein Podiumstempel für Noreia. Und auf der Gurina stand für eine römische Gottheit ein „barbarischer“ Umgangstempel. Das besondere nun an der Gurina ist, dass sie den ersten auf österreichischem Boden rekonstruierten Umgangstempel ihr eigen nennen kann. Mit Neid habe ich immer nach Deutschland geschielt, wo es schon mehrere dieser wieder erschaffenen Bauten in den archäologischen Parks zu bewundern gibt. (Neben dem Mars-Lenus-Tempel am Martberg / Pommern, den ich besuchen durfte, sei noch Cambodunum, das antike Kempten erwähnt, wo ein ganzer keltisch-römischer Kultbezirk rekonstruiert wurde!) Aber endlich, ach, das Warten hat sich gelohnt! Auch bei uns gibt es nun einen rekonstruierten gallo-römischen Umgangstempel zu bestaunen.

 

Wir fuhren nach Dellach und verfuhren uns. Die Wegbeschreibung in Dellach zum archäologischen Park samt Tempel ist miserabel, oder besser gesagt: schlicht nicht vorhanden. Nach Befragung einer Einheimischen fanden wir dann den richtigen Weg. Mitten im Wald beim kleinen Parkplatz gibt es das erste Hinweisschild zum Herculestempel. (Die Archäolog/innen haben sich bei der Tempelrekonstruktion offenbar dazu entschlossen, der Herculesbronze den Vorzug vor der Venus zu geben.) Wir gingen den steilen Pfad durch den Wald zu Fuß hinauf (anders ist der Tempel nicht zu erreichen) und kamen dann zu einem Bauernhof auf einer großen Bergwiese. Selbige ist Eigentum des Hofs und zugleich Ausgrabungsgelände. Auf der Bergkuppe zeigte sich alsbald der sonnenbeschienene Tempel in seiner ganzen Pracht.


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Der gallorömische Umgangstempel auf der Gurina strahlt in der Sonne

Ich war so gerührt und ergriffen, dass nicht einmal ein paar Handwerker, die den Boden des Tempels ausbesserten (die Rekonstruktion war offenbar nicht ganz winterfest) und deren Auto vor dem Tempel parkte, meine Laune trüben konnten. Wir grüßten die Handwerker und begutachteten das Bauwerk. Die Türe stand offen, und so durften wir auch die Cella inspizieren. Ich war im siebten Himmel! Während Sandra ihrer Lieblingsbeschäftigung (Kräuter sammeln) nachging, veranstaltete ich eine umfangreiche Andacht für Hercules, den ich auch mit dem gallischen Namen Ogmios (einem Gott der Weisheit und der Redekunst) verehrte. Ich umrundete den Tempel im Uhrzeigersinn, erst außen rum, dann innerhalb der Säulenstellung, ehe ich ehrfurchtsvoll die Cella betrat, die in römischem Stil bemalt war. In einer kleinen Apsis stand auf einem stufenartigen Altar eine bunte Hercules-Statue.  



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Die Cella mit der Hercules-Statue

Hercules (Ogmios) erhielt von mir neben einigen Gebeten auch einen kleinen Blumenstrauß von der Wiese draußen, den ich am Altar im Innern niederlegte. Vor dem Tempel zündete ich noch Räucherstäbchen an und goss ein Trankopfer von Whisky auf die Erde. Diesmal lag ich richtig. Kein Fake wie am Ulrichsberg! Nein, hier befand ich mich an einem echten, antiken, heidnischen Kultplatz, dessen Gottheiten über 1000 Jahre lang die Huldigungen hallstattzeitlicher, keltischer und römischer Menschen entgegennahmen – und nun auch die meinen ...

 

Die dritte Gottheit, die ich in diesem Urlaub besuchte, heißt Belestis. Diese keltische Göttin, deren Namen „die Leuchtende“ bedeutet, ist durch zwei Weihealtäre vom Loiblpass bekannt. Einer der Altäre hat an den Seiten zwei Tierreliefs: einen Bären und eine Wildkatze. Auf meiner Suche nach einer keltischen Diana/Artemis (eine meiner außerkeltischen Lieblingsgöttinnen) stieß ich im Internet zufällig auf diese Göttin, und erfuhr durch einen Artikel von Peter Scherrer (s. Quellenangaben) von einer möglichen Verbindung der Artemis zu Belestis. So bezeugt Strabon in seiner Geographika, dass am Fluss Timavus (ca. nördliches Friaul-Slowenien) die aitolische Artemis verehrt wurde, die dort auch einen Paradiesgarten inne hatte, der voller zahmer Tiere war. Belestis dürfte m.W. nun die einzige Göttin in dieser Gegend sein, die irgendeinen Bezug zu Wald, Berg (Verehrung am Loiblpass) und Wildtier (Altarbilder) hat, also sinngemäß für eine keltische Artemis, von der Strabon berichtet, infrage kommt. Seitdem ich das las, ließ mir diese unbekannte Göttin keine Ruhe mehr, und ich nahm mir seit einigen Jahren vor, die beiden Altäre der Belestis zu finden. Ein bisschen kam ich mir vor wie Indiana Jones auf der Suche nach den verlorenen Römersteinen, als ich im Zuge eines BBnC-Festivals (Klagenfurter Hexen-und-Heiden-Treffen mit Esoterikmarkt, das bis vor Kurzem von James Vermont veranstaltet wurde) nach Ferlach fuhr, um dort das Büchsenmachermuseum zu besuchen, da sich dort laut der Website „ubi-erat-lupa“ der Altar mit den Reliefs befinden sollte. Aber leider war das nicht der Fall. Die nette Mitarbeiterin beim Info-Stand konnte mir nicht weiterhelfen, gab mir aber eine Karte von der Ferlacher Gegend, sodass ich zumindest den anderen Altar suchen konnte. Ich war zwar enttäuscht, dass ich umsonst im Jagdmuseum war, versprach aber der Belestis, nach St. Leonhard zu pilgern, um Ihren Altar aufzusuchen, der sich dort, eingemauert in einem Marterl befinden sollte.

 

Heuer nun war es soweit. Sandra und ich fuhren abends durch die düstere bewaldete Schlucht auf der Loiblpassstraße entlang, das kleine Auto ächzte die Anhöhe hinauf, und nach einigen Marterln, die sich nach kurzer Inspektion einfach nur als Marterln entpuppten, kamen wir endlich zu einer Häuseransammlung, die sich St. Leonhard nennt, und da, an einem Eck, war das gesuchte Kleinod unbeabsichtigter multireligiöser Kunst.



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Das Marterl in St. Leonhard am Loiblpass

Natürlich war ein einfacher Altar nicht so großartig wie ein ganzer nachgebauter Tempel und nicht so ein Touristenmagnet wie der heilige Hain der Noreia, und ja, ich hatte damals das Glück, auf Noreia-Altären Räucherwerk darzubringen. Aber diese Loiblpass-Göttin ist anders. Zum einen kam die Freude und Erleichterung dazu, endlich das Gesuchte nach langen Jahren gefunden zu haben, zum anderen hatte ich zu Belestis seit meinem Wissen über Sie eine besondere spirituelle Beziehung. Diese kleine Passgöttin strahlte in Ihrer angestammten Umgebung der schroffen Gebirgszüge und des dunklen Nadelwaldes eine ungeheure Macht und Anziehungskraft auf mich aus. Wie ein Magnet blieb ich in meiner Andacht am Altar hängen. Ich zelebrierte die übliche Libation, zündete die dortigen Kerzen an, Sandra spendete ein Räucherstäbchen. Und es war nicht genug. Sie wollte mich nicht gehen lassen, und ich wollte nicht weg. Nach außen hin musste es so ausgesehen haben, als huldigte ich dem Heiligen, der auf dem Altar stand, der zu einem Opferstock umgebaut war. Aber meine ganze Aufmerksamkeit gehörte der unteren Hälfte des Marterls.



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Altar mit einer Inschrift für die Göttin Belestis.

Mit den Fingern strich ich über die gut lesbare Inschrift, verfasste dann ein eigenes Votivschreiben auf einem Zettel (in Ermangelung von Stein und Meißel) und steckte es in den Opferstock. Sollte doch jede/r wissen, der/die diesen Zettel findet, dass meine Verehrung der antiken Göttin gilt - kein Grund, sich zu verstecken oder im Geheimen zu zelebrieren. (Die Zeiten religiöser Verfolgung sind hierzulande Belestis-sei-dank vorbei.) – Solche und andere Gedanken schwirrten mir im Kopf herum. Wäre dieser Altar nicht an so einer unwirtlichen Stelle neben der Hauptstraße gewesen, ich hätte doch glatt dort die Nacht verbringen wollen. So aber musste ich mich gewaltsam losreißen von dieser meiner hochheiligen Göttin. Es fiel mir unendlich schwer.

 

Etwas wehmütig stieg ich ins Auto, und als wir zurück nach Klagenfurt fuhren, noch auf der Loiblpassstraße, da machte mich Sandra auf eine Gedenkstätte anderer Art aufmerksam: zu unserer Linken war ein Haufen Kerzen, Blumen, Briefe, Bilder aufgeschichtet – die Unfallstelle von Jörg Haider, der im Leben und jetzt noch mehr im Tode wie ein alter karantanischer Fürst verehrt wird. Ich überlegte kurz, ob ich ein Foto von dieser skurrilen Opferstätte machen sollte, entschied mich aber dann dagegen.

 

„Kärnten is a Wahnsinn“ und hier komme ich nun kurz zu der Art Wahnsinn, die mir weniger gut gefällt: Den Ausländerhass-Wahnsinn, den Ulrichsbergtreffen-Wahnsinn, den Kult-um-Haider-Wahnsinn, den Verschwörungstheorien-um-Haiders-Tod-Wahnsinn, den Saualmwahnsinn, den Ortstafelverrückungswahnsinn, den Ewiggestrigkeitswahnsinn (und natürlich auch den Lapidarium-Zerstörungswahnsinn, wenn ich schon dabei bin) usw. Vielleicht muss ich ja erst 20 Jahre in Kärnten wohnen, um den Wahnsinn irgendwie zu verstehen (so hat’s mir jedenfalls ein gebürtiger Kärntner gesagt), aber ich glaube, da steckt mehr dahinter, als nur der alte (sicherlich berechtigte) Groll wegen der Gräueltaten der slowenischen Partisanen im 2. Weltkrieg.

 

Kärnten ist ein wunderschönes Land, bilderbuchreif, fast schon kitschig. Vielleicht hat die Göttin Belestis ja eine wichtige Botschaft für uns? Sie schützt die Straße am Loiblpass, verbindet sozusagen Kärnten und Slowenien. Ebenso, so hoffe ich, möge Sie eines Tages auch die Herzen von Kärntnern und Slowenen verbinden und sie die Vergangenheit ehrlich aufarbeiten lassen. Und Noreia, die Göttin des alten Noricum? Römer und Kelten lebten in friedlicher Eintracht, befruchteten sich in ihren Kulturen gegenseitig. Wenn ich aus dieser Göttin eine Lehre ziehen mag, dann diese: dass Österreich, das zum Großteil früher mal Noricum hieß, nur dann in seiner bunten Fülle weiterleben kann, wenn man die Fremden, die ja in Frieden kommen, mit Vernunft und in Gastfreundschaft (übrigens eine der wichtigsten keltischen Tugenden) aufnimmt und integriert, anstatt sie in Angst, Hass und Feindschaft fernhalten und vertreiben zu wollen.

 

Ich glaube, die Welt der Gottheiten ist der unsrigen nicht so unähnlich. So wie hierzulande plädiere ich auch im Götterhimmel für Demokratie und Minderheitenrechte. Vielleicht mit ein Grund, warum ich den Göttinnen und Göttern der Antike Opfergaben bringe. Um Ihren Durst nach 1500 Jahre währender christlich bedingter Abstinenz zu stillen und Ihnen wieder zu Macht und Würde zu verhelfen, wie es sich für Gottheiten gehört. Bis zur Gleichberechtigung im Götterhimmel ist’s zwar noch ein weiter Weg, und polytheistische Gottheiten haben da naturgemäß ein bisserl das Nachsehen im Vergleich zum monotheistischen Übervater. Aber ich bin zuversichtlich. „Frieden im Himmel – Himmel auf Erden...“, wie die irische Göttin Mórrígan nach der zweiten Schlacht von Mag Tuired so schön sagt ...


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Belestis’ Reich: die Straße am Loiblpass – völkerverbindend?

Danksagung:

 

Ich möchte Sandra aus Klagenfurt ganz herzlich für ihre Geduld und ihr Engagement danken. Ohne sie und ihr Auto hätte ich vieles nie gesehen. DANKE! (Und keine Sorge, ich komme wieder!)

 

Zum Weiterforschen:


DOBESCH Gerhard, „Die Kelten in Österreich ��" nach den ältesten Berichten der Antike“, Böhlau Verlag, Wien-Köln-Weimar 1993, ISBN: 3-205-07136-0

GLEIRSCHER Paul, „Noreia ��" Atlantis der Berge ��" Neues zu Göttin, Stadt und Straßenstation“, Hermagoras, Klagenfurt-Laibach-Wien 2009, ISBN: 978-3-7086-0467-1

 

LEITNER Friedrich W., hrsg., „Götterwelten ��" Tempel, Riten, Religionen in Noricum“, Katalog zur Sonderausstellung, Landesmuseum Kärnten, Klagenfurt 2007, ISBN: 978-3-900575-35-9

 

PICCOTTINI Gernot u. VETTERS Hermann, „Führer durch die Ausgrabungen auf dem Magdalensberg“, Landesmuseum für Kärnten, 6. Auflage, Klagenfurt 2003. ISBN: 3-900575-15-0


URBAN Otto H., „Wegweiser in die Urgeschichte Österreichs ��" Archäologie sehen, erkennen, verstehen“, ÖBV, Wien 1989, ISBN: 3-215-06230-5

ubi-erat-lupa ��" eine umfangreiche virtuelle Sammlung von Römersteinen aus dem Raum Österreich, Slowenien, Deutschland, etc.

http://www.ubi-erat-lupa.org/

zum Landesmuseum Kärnten samt Außenstellen (auch Magdalensberg):

http://www.landesmuseum-ktn.at/Landesmuseen/landesmuseenfr.html

 

zum Herzogstuhl:

http://www.herzogstuhl.at/


zur Keltenwelt in Frög:
http://www.keltenwelt.at/

zum Herculestempel auf der Gurina:

http://gurina.dellach.gemeindeserver.eu/

 

Zu Belestis als Artemis - „Der Eber und der Heros“, ein Artikel von Peter SCHERRER:
http://homepage.univie.ac.at/~trinkle5/forum/forum0300/14scherr.htm